Daniele Dell'Agli : Essays : Deutschland


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Transgermanien - der Tag davor

Über Deutschvergessenheit und unkontrollierte Auswanderung. Ein Moratorium

Der Tag davor ist immer ein ganz besonderer, erfüllter: ob Reise oder Hochzeit, Prüfung, Einstand oder Operation, der countdown wird, nicht selten schlaflos, viel intensiver, ja quälender erlebt als die alltägliche Routine. Vorbereitende Geschäftigkeit, retrospektive Melancholie, lähmender oder euphorisierender Erwartungsdruck, bange Freude - alle guten und bösen Geister der Antizipation halten uns in einer Zeitfalle gefangen: erst kann uns das Warten nicht schnell genug vergehen, dann ist es schneller vorbei, als uns lieb ist. Eine Ausnahme bilden die Vortage, denen nichts folgt, was uns unmittelbar und individuell betrifft: die Tage vor den allgemeinen, kalendarisch verbürgten Jubiläen. Diese erschöpfen sich nämlich darin, den Grund ihrer Veranlassung vergessen zu machen, und so die vorsorgende Hektik und Anspannung der jeweiligen Vortage wieder auszugleichen. An einem solchen Tag hatte ich eigentlich nur ins Kino gehen wollen. Sonntagabend in Berlin am Zeughaus Unter den Linden, dem sogenannten Museum für Deutsche Geschichte. Ich wollte die Strecke von der S-Bahn-Station am Pariser Platz aus zu Fuß laufen. Nicht bedacht hatte ich, daß dieser Feiertag der 2. Oktober war, also wiederum ein Vortag. Auch ein Tag davor? Zumindest einer, an dem ich mir, nicht zum ersten Mal, zugegeben, aber doch zum ersten Mal synchron zum offiziellen Anlaß die Frage stellte: was ist deutsch? Das heißt, genaugenommen stellte die Frage sich mir, und zwar buchstäblich, also leibhaftig, in den Weg, so daß ich vor lauter Ausweichmanövern gleich auf mehrere Antworten stieß; und es wäre wohl eine müßige Frage gewesen, hätten die sich nicht widersprochen.

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Ich war kaum dem miefigen Durchzug des Verkehrsuntergrunds entronnen, als ich in den Strudel einer dichten Menschenmenge geriet. Sie bestand vorwiegend aus kleinen Grüppchen - familiären Verbänden, versprengten Schulklassen -, die auf der Ost-West-Achse ineinander trudelten. Irgendetwas lag in der Luft, etwas Abwesendes, das sie zugleich erfüllte wie das Nachzittern eines soeben verklungenen Spektakels oder, je nachdem, die zaghafte Einstimmung vereinzelter, unsichtbarer Akteure auf eine bevorstehende Ouvertüre. Die Gesichter der Passanten befragte ich jedoch vergeblich danach. Manche wirkten selbst abwesend, wie unbeteiligt, als wollten sie ihr Vorhandensein an diesem Ort dementieren; andere eher ratlos, wie alleingelassen mit dem angebrochenen Abend nach einer abgesagten Veranstaltung. Wenn hier etwas nicht stattfand, dann war ich offenbar der einzige, der davon alarmiert wurde, vielleicht sogar der einzige, dem aufgefallen war, daß etwas fehlte. Ich mußte aber erst mit der ostwärts treibenden Strömung die Alleemitte erreichen, um die Quelle meines Unbehagens namhaft machen zu können: auf der Promenade, zu der alles drängte, herrschte tiefste Nacht; weder waren die Laternen gezündet worden, noch drang das Licht von den flankierenden Gehsteigen zwischen den belaubten Baumgruppen hindurch.

Selten habe ich inmitten einer Großstadt eine vergleichbar gespenstische Szenerie gesehen. So muß es zu Zeiten der alliierten Bombardements im zweiten Weltkrieg zugegangen sein, dachte ich, als es darum ging, dem Feind kein Ziel zu bieten. Es hätte aber auch ein Winterabend in Bukarest sein können, mit dem Unterschied allerdings, daß sich auf der hiesigen Dunkelzone Tausende und Abertausende drängten, wohl auch deshalb, weil die Seitenboulevards von Baustellen und anderen, kurzfristig angebrachten Umzäunungen weitgehend unpassierbar gemacht worden waren. Und auch der Sandweg zwischen den Linden war von der Sperrwut nicht verschont worden, jeder Übergang von einer Insel zur nächsten, normalerweise ein paar Schritte über die trennende Straße hinweg, war durch umständliche Laufgitter kanalisiert worden, und das trotz der offenkundigen (und erheblichen) Einschränkungen des motorisierten Verkehrs. Allenthalben wachten, wie sollte es anders sein, Ordnungshüter über die Einhaltung der verhängten Disziplinarmaßnahmen; doch die Menschen, die immer wieder in ihrem formlosen Schlendrian unterbrochen wurden, zwängten sich willig durch die ohne ersichtlichen Grund (Staatsgäste, Demonstration) angebrachten Hürden. Kein Protest, nicht einmal ein Murren war zu hören, niemand, der versucht hätte, den schikanösen Umweg abzukürzen. Immerhin hatten sich doch alle einen geruhsamen Spaziergang vorgenommen, jetzt wurde ihnen die Hektik einer Übung aufgenötigt, wie sie allenfalls der Katastrophenschutz hätte ersinnen können, eine doppelte Evakuation sozusagen, bei der es darauf ankam, zwei gegenstrebige Aufläufe möglichst ruhig und ohne Reibungsverluste auf einem mit Hindernissen übersäten Parcours aneinandervorbeizuführen.

Das Unheimliche einer exotischen Zeremonie, in sich logisch und doch für den Uneingeweihten fremd, ging von diesem Vorgang aus: als hätten sich die vegetativen Systeme mitsamt der Stimmorgane den Lichtverhältnissen angeglichen, vollzog sich das Geschiebe mit ritueller Gleichmäßigkeit und nahezu lautlos, begleitet von punktuell vorbeiröhrenden Fahrzeugen, überwölbt von einem entfernten Dauergrollen, welches aufgestaute, bzw. umgelenkte Verkehrsmassen erahnen ließ. Die Menschen sprachen gedämpft, wenn sie nicht ohnehin schwiegen, die Kinder trotteten, auch sie wie benommen, nebenher, so unauffällig, daß man achtgeben mußte, nicht über sie zu stolpern. Ein mir nicht zuteil gewordenes Breitbandsedativum schien sich der Menge bemächtigt zu haben und ließ den Uniformitätsdruck, der sich immer einstellt, wenn die Anhäufung von Deutschen einen bestimmten Schwellenwert übersteigt, ins Unerträgliche wachsen. Was würde passieren, wenn jemand aus dieser Trance erwachen und zu tanzen oder zu schreien beginnen würde? Vermutlich nichts; aber die Form zu sprengen, selbst wenn es sich nur um eine formlose Homogenität handelt, das ist wie beim Aufreißen eines Traumschleiers oder dem Zertrümmern einer Verschalung: ohne Atemnot, Panik oder größten inneren Druck bricht niemand die Autosuggestion, die ihn im Bann hält.

Das also ist sie, dachte ich, die berühmte schweigende Mehrheit, die graue Eminenz, ohne die nichts mehr geht; das heilige Stimmenvieh, das noch kein Politiker und kein Talkmaster je zu kritisieren gewagt hat, dessen pure Unzahl Wähler- bzw. Publikumsbeschimpfung einer Majestätsbeleidi-gung gleichzusetzen gebietet; die große Koalition der Apathiker, die, selbstbezogen und unpolitisch bis ins Mark, sich zum Ding an sich der Demokratie, zum letzten Maßstab von Frequenzvergaben und Parteiprogrammen, von Kulturetats, Meinungslizenzen und Marketingstrategien transzendentalisiert hat: hier lief sie, inkognito, zigtausendköpfig, wie hypnotisiert von der depressiven Verschattung ringsum, aber entschlossen, das Armselige, Gehemmte der Situation zu ignorieren. Man stelle sich das vor: die Champs Elysées ohne Lichtermeer, Bars, Restaurants, den überschwenglichen Wirrwarr der Stimmen, Farben, Klänge, Düfte ... Man kann es sich nicht vorstellen. Die Tristesse der deutschen Flaniermeile ist schlechterdings nicht zu überbieten, ein einziger Albtraum: kein Café, kein Kiosk, nichts, was zum Verweilen einlüde, Auspuffgestank statt Essensgerüche; die wenigsten Auslagen in den Geschäften auf den Seitentrottoirs überhaupt nur einsehbar, und selbst diese nur zum Teil ausgeleuchtet. Rechts und links dieses trockengelegten Flußbetts dafür der finstere Wall des urbanen Banken-, Botschaften- und Versicherungsproporzes.

Fremde verstehen angesichts soviel organisierter Ungemütlichkeit auf Anhieb, warum der Deutsche erst im Troglodytenkreis der engen Stube gesellig wird. Warum der Gemütsmensch erst fern der Heimat, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit flieht, sich zum Genußmenschen läutert. Und sie fragen sich fassungslos, warum er sich das bieten läßt; warum die Bewohner dieses reichen Landes so ostentativ unter ihrem Niveau leben; und was man ihnen zumuten müßte, damit sie endlich aufhörten, all das hinzunehmen, was ihnen vorgesetzt wird, alles mitzumachen, was "sich gehört", alles zu befolgen, was vorgeschrieben wird, und sei es noch so unsinnig. Doch diese Fragen setzen bei den derart Apostrophierten ein Leiden oder eine Unzufriedenheit voraus, für die es keinerlei Indizien gibt. Nichts deutet daraufhin, daß die Leute etwas anderes wollen oder zumin-dest wollen würden, wenn sie die Alternative hätten. Am Ende genießen sie eben die Zumutungen ihres öffentlichen Unwesens, sind sie in ihrer selbstgemachten Unheimlichkeit zuhause, sind ihre Bedürfnisse den künstlich erzeugten Defiziten vollkommen kompatibel. Dennoch, oder gerade deswegen: muß man sich nicht vor Menschen fürchten, die eine latent apokalyptische Atmosphäre als Sonntagsausflug genießen?

Der Hinweis auf den neu entdeckten Hedonismus verfängt hier nicht, meint dieser doch in seiner zeitgenössischen Verfallsform nichts als wahllose konsumistische Sinnesbetäubung, also wiederum die alte protestantische Verachtung der Sinnlichkeit, ihrer orientierenden, kommunizierenden, raumgestaltenden Vermögen. Sekuritätsbedürfnis, Rundumversorgung gegen die Risiken des Wohlstands - vom Krankheitsfall über den Arbeitsverlust bis hin zur Langeweile - stiftet den Nexus zwischen politischer Apathie und ästhetischer Anspruchslosigkeit. Und es gehören beträchtliche autohypnotische Fähigkeiten dazu, die Häßlichkeit eines allenthalben gegängelten und gedrosselten Lebens in Bilder wenn nicht des Glücks, so wenigstens der Zufriedenheit zu verwandeln. Für diesen gigantischen Selbstbetrug dürften die Deutschen aufgrund ihrer Innerlichkeit - oder dem, was seit der letzten Bestandsaufnahme durch Thomas Mann von ihr geblieben zu sein scheint: eine Mischung aus schwach entwickelter Kontaktbereitschaft, früh trainiertem Defensivdasein und monadischer Verstocktheit - geradezu prädestiniert sein. Nicht zufällig leitet die deutsche Sprache als einzige das Gegenteil von Schönheit aus dem Haß ab, und wenn ich meinen italienischen Idiosynkrasien trauen darf, dann ist es just dieser Mangel an Ästhetik, an Lebensstil, an Alltagskultur aus mißlungener Lebensbejahung, der sie manipulierbar macht. Ästhetik verstanden als Kultur einer plastischen Individualität, die sich ihrer Setzungen im öffentlichen Raum bewußt ist; die Selbstdarstellungs- und Umgangsformen als Widerstandsmomente gegen die verordneten Konformismen im Namen von ... ausbildet; die in der Ritualisierung spontaner Äußerungen den Weg der Affekte zu ihrer Artikulation verkürzt, auf daß nicht bei jeder abweichenden Erfahrung atavistische Reflexe einschnappen und Irritationen in Vorurteilen rastern. Schließlich sind es immer die isolierten, ihres Ausdrucks ohnmächtigen Minimalexistenzen - die im Zweifelsfall für jedes richtungsweisende Wertangebot dankbaren - aus denen sich beliebig mobilisierbare Massen rekrutieren. Aber muß, wer klein lebt, zwangsläufig die Sehnsucht nach dem gefährlich Großen in sich nähren?

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Auf Höhe der Humboldtuniversität schließlich, wo die Baumflucht einem asphaltierten, für parkende Autos reservierten Mittelstreifen Platz macht, wechselte das Unheimliche Temperatur und Register; die lauwarme Prozession löste sich plötzlich unter einer kalten Dusche greller Spots auf: gleißendes Halogenweiß zwanzig Meter über den Köpfen für die vergangene Grandezza, giftiges Industrieorange eine Etage tiefer für das rollende Blech. Von den wuchtigen Gemäuer heben die Schlaglichter harte, abweisende Umrisse ab, das Titanische mahnt Ehrfurcht an - ein Masochist, wer dafür noch Neugier aufbringt. Als wäre man durch einen mystagogischen Tunnel, eine virtuelle Jenseitspassage geschleust worden, um jetzt in eine als Filmkulisse getarnte klassizistische Totenlandschaft initiiert zu werden.

Der Kontrast zwischen den zu klobigen Sarkophagen stilisierten Pracht-bauten und den Zufallsornamenten der um ihre Sockel wimmelnden Masse erscheint inszeniert und ist doch bloß Effekt einer lieb- und taktlosen Denkmalspflege. Soviel Geschichte, um so zu enden, möchte man seufzen und bei aller Skepsis gegenüber den Wohltaten des ringsum sedimentierten Weltgeistes etwas mehr Pietät einklagen. Doch es hilft nichts, die Leute wuseln weiter, suchen nach den nächstmöglichen Schlupflöchern zwischen den wie zufällig zusammengewürfelten Findlingen einer anderen Zeit. Spätestens jetzt verstehe ich alle, die eine unwiderstehliche Sehnsucht nach der Glotze, nach Anschluß ans Sichtbare, nach Transparenz und Überblick packt.

So also feiern die Deutschen, dachte ich, so begehen sie ihren Feiertag, fürwahr: mit einem Begängnis. Nicht an irgendeinem Sonntag, am Vorabend des dritten Oktobers: ein Advent ohne Vorfreude. Keine Ausgelassenheit, kein Lachen weit und breit. Die deutsche Hierogamie, die Hochzeit von Vater Staat und Mutter Nation -: sie fand unter Einschluß des Volkes auf dem Friedhof Unter den Linden statt. Und doch: was die Legionen ungeladener Trauergäste sich versprochen haben mochten, mußte, der ausbleibenden Enttäuschung zufolge, sich auch eingestellt haben (falls Deutsche sich derlei Regungen überhaupt öffentlich anmerken lassen, und weiter vorausgesetzt, sie waren überhaupt in der Verfassung, sich enttäuschen zu lassen). Wer immer sich diesen narkotisierten Pilgerzügen angeschlossen hatte, um im Pendelschritt zum Feierabendzombie zu mutieren, mußte sein Vergnügen daran gehabt haben. Aber woran eigentlich? An seiner Vereinzelung in einer Masse, der er sich doch gleichgestimmt fühlte? Am einlullenden Gleichmaß des Flanierens in der Menge? Laut Canetti bewegt sich eine Masse umso langsamer, je ferner ihr Ziel ist (und daher die Prozession, die aufs Jenseits zielt, am langsamsten); für den neuen, den paradoxen Typ der flanierenden Masse gilt: sie bewegt sich umso zögernder, je unklarer ihr Ziel ist. Die temperierte, flanierende Masse widerspricht sich selbst: sie ist nicht sonderlich motiviert, aber gutgläubig; nicht unterwürfig, aber anspruchslos; friedlich, aber ohne Gewähr; undiszipliniert, aber bei Bedarf leicht zu lenken: eine Herde eben, doch ohne Hirte, mithin keine gläubige Masse, und offensichtlich ohne "Herdenglück, Gemeinschafts-Gefühl im großen und kleinen, lebendiges Eins-Gefühl als Summe des Lebensgefühls..." (Nietzsche).

Wie aber, wenn dies noch nicht alles war, dachte ich einen Augenblick lang. Wenn die Menschen eine Ahnung bekamen, daß sie "eigentlich" gekommen waren, ihre Beziehungslosigkeit untereinander und zu ihrer Geschichte wenigstens für die Dauer eines Bummels zu überwinden? Wenn unzählige frustierte Einzelseelen insgeheim doch auf den erlösenden Zapfenstreich warteten, der sie endlich zum appellfähigen Kollektiv zusammengeblasen hätte? Ich schaute mich abermals um: nein, keine Gefahr. Niemand will hier etwas, niemand begeht mehr als den harten Boden unter seinen Füßen, niemand merkt, daß er sich mit der Zeit auch die Phantome vertreibt, die ihn hierher gelockt haben. Umgekehrt scheint jeder vergessen zu haben, warum er ausgerechnet heute ausgerechnet Unter den Linden spazieren geht, ja, die ganze Bummelei scheint keinem anderen Zweck als eben diesem Vergessen zu dienen, welches anstelle des eigentlich Erwarteten zu der Veranstaltung wird, deretwegen man sich an diesem Ort eingefunden hat. Der Gedanke ist zu schön, um wahr zu sein, und ich traue dem Frieden nicht.

Freud unterscheidet ein Unheimliches, das der Wiederkehr des Verdrängten und eines, das der Wiederkehr des Überwundenen entspringt. Nicht ohne Sarkasmus könnte man angesichts von Stromabschaltung, ordnungspolizeilichem Aufgebot und massenhaft gedrosselter Vitalität sich an die Wiederkehr eines überwundenen Stückes DDR erinnert fühlen; wer jedoch das Archetypische solchen Verhaltens spürt, kann nur zu dem Schluß kommen, daß es die Wiederkehr einer verdrängten Öffentlichkeit ist, die Anlaß zum Gruseln bietet. Schließlich befindet man sich an einem der symbolisch höchst besetzten Orte in Deutschland, und die Mitglieder dieses Gemeinwesens erweisen sich als unfähig, ihn auch real zu besetzen; sie sind an ihren Kultstätten buchstäblich nicht zuhause, nicht heimisch, es hat fast etwas Heimliches, wie sie sie begehen, aber nicht weil sie sich ihrer etwa schämten, sondern als ob sie unsicher wären, am "richtigen" Ort zu sein. Auf den Champs Elysees fühlen sie sich wohler: das ist der Ort der anderen. An ihm wähnen sie sich andere, befreit von dem Wahn, mit dem genius loci verwandt zu sein. Auf der Bannmeile ihrer angeblichen Nationalidentität bleiben sie hingegen Fremde, die gern heimische Touristen wären, Inlandsjapaner auf Stippvisite sozusagen, und nicht, wie sie an den preußischen Endmoränen defilieren, unfreiwillige Statisten eines nekromantischen Gesamtkunstwerks, Wiedergänger einer längst zur Prähistorie fossilisierten Vergangenheit.

Paradoxerweise schreckt gerade die opake Realität der symbolischen Stätten jeden intimen Bezug zu ihnen ab: die Leute trödeln unschlüssig, achselzuckend, bestenfalls unbekümmert umher; je näher sie hinschauen, desto weiter entfernt sich jede Bedeutsamkeit aus den Steinen; was die Monumente bezeugen, ihr historisches Gedächtnis, wird in der Konfrontation mit ihrer aufdringlichen Materialität gelöscht. Geschichte überlebt offensichtlich, wenn überhaupt, nur mehr im Fernsehformat, eine audiovisuelle Depotenzierung, für welche die Deutschen mit ihrem gebrochenen Verhältnis zu öffentlichen Kundgebungen besonders empfänglich zu sein scheinen. Die Bildschirme haben sie an die wohn- zimmerkompatiblen Surrogate der großen Geschehnisse gewöhnt, haben sie aber auch zugleich vor dem Sog der Pathosformeln und -gesten bewahrt, gegen den Ernstfall des kollektiven Enthusiasmus weitgehend immunisiert; jede Größe schrumpft telegen ins Lächerliche, noch das prägnanteste Emblem verschleift sich durch Wiederholung - man weiß es allerdings erst, wenn man ihrer in natura ansichtig wird. Die Deutschen, die gekommen waren, um sich zu vergewissern, daß es ein Äquivalent gibt, eine Hardware-Deckung für das, was sie für ihr Gemeinsames halten, mußten erkennen, daß ihr Territorium in Wirklichkeit ein Totenreich ist, dem man durch einen Besuch nolens volens die letzte Reverenz erweist, mehr nicht: das mythotopische Kraftfeld strahlt keine Identifikations-Effekte mehr aus. Was sich benennen läßt, sind Details: Straßen, Gebäude, Denkmäler; doch das Ganze, das sie meinen, und das für den Kurzschluß von persönlicher Biographie und historischem Datum unentbehrlich ist, stellt sich nicht mehr ein; nostalgische déjà-vues mögen manche an den Schauplätzen individuellen Leidens oder Glücks (wie der Bornholmer Straße) überkommen, vergesellschaftungsfähig sind sie nicht.

Wer also sind "die Deutschen"? Eine Gemeinde, die sich periodisch um ihre musealen Heiligtümer schart, um von ihnen Abschied zu nehmen? Der es genügt, sich hin und wieder davon zu überzeugen, "daß da mal was gewesen ist", um desto unbeschwerter ihrer pragmatischen Unauffälligkeit zu frönen? Und wenn mit einem Mal all die Kälte und die Gleichgültigkeit dieser Leute untereinander umgeschlagen wären in Kälte und Gleichgültigkeit gegenüber den hehren Abstraktionen ihres National-gefühls? Und wenn sie die ersten wären, deren Gemeinschaftssymbolik nicht mehr vom Vampyrismus ihrer Lemuren gepäppelt werden müßte? (Dann hätten die Neonazis ihr Soll erfüllt, ihnen die Restlust daran zu verleiden?). An diesem Abend jedenfalls fühlte sich niemand wohl in der viel zu großen Haut, niemand zeigte sich anfällig für die Schauer des historisch Sublimen; das "Eigentliche", die Ankunft ins Herz der eigenen Tradition, hatte sich wieder einmal vertagt. So bleibt der Gedächtnisraum Deutschland weiterhin unter Kuratel der Archivare und einer wissenschaftlich-ästhetischen Elite; bleiben andererseits den "Dämonen des Vorgefühls" wie ihren asozialen Trägern nur die endemisch kleinen, schmutzigen Hinterhalte zum Andocken - beides mit entsprechend reduzierter Virulenz.

Wenn ich nun meinen Eindrücken freien Lauf lasse, so zerren sie mir folgende Kontrastvision herbei: ein Volk wird, wie um die Jahrzehnte des Schweigens nachzuholen, seit Mitte der 80er Jahre an einen mit zunehmender Frequenz abgespulten Rosenkranz von Gedenk- und Einweihungsanlässen (die zahllosen "historischen Tage") gewöhnt - letztlich um es von der Paralyse der Realpolitik abzulenken -, und muß feststellen, daß "da draußen", außerhalb der Köpfe, der Worte nichts ist, daß "sein" Ort unbesetzt, ja unbesetzbar ist, "seine" Geschichte abwesend und "seine" Nationalseele außerstande, ihre Phantasmen zu konkre-tisieren. Doch nicht Verlustängste, noch Phantomschmerzen plagen seine Abordnungen in der Ereignisleere des forum germanicum, sondern einzig die Sorge um den knurrenden Magen und das nächstgelegene Restaurant. Als hätten sie mit den inflationären Erinnerungsritualen lediglich die Abschlußprüfung in der großen Schule des Vergessens, Fernsehen genannt, absolviert. Deutschsein, lange genug aus der Ferne gesehen, mal halbherzig, mal mißtrauisch, mittlerweile ein selbstschaltender Zwischen-kanal, ein senderübergreifendes Quersummenprogramm, eine Mixtura solvens aus Vorabendserien, Gameshows und Magazinen? Sicher, hier und da flackert noch Widerstand gegen soviel Bodenlosigkeit auf; im Haß auf Einwanderer und Asylanten gärt hierzulande dieselbe Projektion des eigenen psychopolitischen Exils, die ewiggestrige Gesinnungstäter auf ihren Rückzugsgefechten an der Abstammungsgemeinschaft kleben und die Jus soli ablehnen läßt. Auf der anderen Seite haben die Zwangsaufklärer mit ihrer chronischen Hypermnesie nichts als trotzigen Provinzialismus bei den Älteren und willige Amerikanisierung bei den Jüngeren hervorgerufen - ganz so, als hätten sie partout Nietzsches Diktum bewahrheiten wollen, daß es "einen Grad gibt, Historie zu treiben, und eine Schätzung derselben, bei der das Leben verkümmert und entartet."[1]

Während dieser parasitologischen Einsicht nach wie vor nur unter vier Augen zugestimmt wird, ist ihr mutmaßliches Gegenstück am anderen Ende des moralischen Spektrums von keinem Statement, keiner Presseerklärung und keinem Kommentar zur Zeitgeschichte mehr wegzudenken. Dieser Satz lautet (in der kanonischen Fassung von Santayana): Geschichte, die nicht erinnert wird, ist dazu verurteilt, sich zu wiederholen. Er hat den Beweis seiner Richtigkeit noch nicht angetreten, und es gehört nicht viel Scharfsinn zu der Prognose, daß er ihn nie antreten wird. Denn zum einen unterstellt er, daß Geschichte als Ganze überhaupt im Modus der Erinnerung überliefert wird, ohne daß doch plausibel wäre, was denn das tertium comparationis zwischen individueller und politischer Geschichte sein könnte, das die Summierung zahlloser Einzelgedächtnisse zu einem historischen Gesamtgedächtnis, das mehr wäre als ein totes Archiv, rechtfertigen würde. Zum anderen ist fraglich, was denn das Erfahrungssubstrat einer Erinnerung über die Generationen hinweg sein, also was überhaupt - wenn wir Sheldrakes morphogenetische Felder einmal außer Betracht lassen - Erinnerung eines selbst nicht Erlebten heißen soll (außer vielleicht der Aktualisierung atmosphärischer oder epischer Reminiszenzen aus dem biographischen Umkreis). Und wenn es kein intelligibles Subjekt historischer Erfahrung gibt, können auch keine Lehren aus ihr gezogen werden, die mehr wären als reine Vermeidungsstrategien ohne jede Gewähr für ein künftiges Gelingen. Da ferner keine Vergegenwärtigung der Vergangenheit beanspruchen kann, mehr als retrospektive Konstruktion des Gewesenen zu sein, wäre es töricht, jemals die Gleichheit historischer Bedingungen zu postulieren, die doch vorliegen müßte, um bei flächendeckender Amnesie die Wiederholung eines Verhängnisses zu erwarten. Schließlich aber ist der Begriff der Wiederholung selbst ein ahistorischer, denn die Kontinuität des Schreckens hat sich über alle gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen Differenzen hinweg behauptet und harrt immer noch ihrer Erklärung. Mit der Drohung einer Pseudokausalität ("Wenn du nicht erinnerst, was war, wird es sich wiederholen, und du wirst sein Agent sein") und einem unhaltbaren Versprechen für den Fall ihrer vermeintlichen Entschärfung (durch entsprechende Anamnese) werden also bestenfalls humanistische Placebos zur Herstellung historisch korrekter Gewissen verabreicht. Wie wenig mittelbare, dokumentarisch nachgerüstete "Erinnerung" vor "Wiederholung" schützt, hat die halbherzige Entstasifizierung hinlänglich gezeigt; und wenn umgekehrt der Nationalsozialismus sich nicht wiederholt, dann sicher nicht, weil tagaus tagein seine Greuel memoriert werden. Dann aber verschleiert das Wiederkäuen der angeblichen Zauberformel nur die Hilflosigkeit der Theorie angesichts dessen, was in der Gegenwart tatsächlich an Entsetzlichem passiert. Praktisch falsifiziert wird die These darüberhinaus dort, wo "Erinnerungen" an vergangenes Unrecht einzig wachgehalten, d.h. "übertragen" werden, um Rachegelüste zu schüren und die Wiederkehr des Gemetzels zu legitimieren. In Irland, Korsika und Südtirol, im Baskenland und vor allem in Ex-Jugoslawien werden so die Nachgeborenen zu stellvertretenden Opfern dessen, was ihren Ahnen geschah, präpariert - und damit zu den Tätern von heute.

Es muß schon verzweifeltes Wunschdenken sein, vielleicht ein letztes Aufglimmen utopischer Energie, das wider allem Anschein immer noch an einen psychoanalytisch metaphorisierten Fortschrittsbegriff festhält. Oder ist es pädagogische Phantasielosigkeit, die, in Ermangelung positiver Leitbilder, auf die abschreckende Wirkung des absolut Bösen vertraut? Oder die Unersättlichkeit des schlechten Gewissens angesichts einer schlichtweg nicht zu "bewältigenden" Dimension der Schuld? Andrerseits muß eine zur talking cure verharmloste, bzw. via talk show vertingelte "Aufarbeitung" der Vergangenheit mit dem Bewußtsein ihrer Unzulänglichkeit auch die Unersättlichkeit ihres Anspruchs perpetuieren. Die beständige Wiederholung, auch Variation, der einschlägigen Bilder, Fakten und Analysen ist ihre denkbar gründliche Löschung; Präsenz und Abrufbarkeit der elektronischen Gedächtnisse haben de facto die Aufmerksamkeit der individuellen ersetzt. Warum also nicht die Chance ergreifen, die sich darin bietet, daß beides, die Simulation deutscher Größe wie deutscher Niedertracht, seit langem schon ihrer Entsorgung gleichkommt? Etwas, das schon seiner Struktur nach - das ist keine Frage "unvorstellbarer" Ausmaße - nie wirklich erinnert, immer nur moralisch ausgebeutet werden konnte, auch "vergessen", Geschehenes und Gewordenes endlich Gewesenes sein zu lassen? An den Tatsachen gibt es eh kein Jota zu leugnen, aber die Forderung, diese gleichsam als Erbschuld auf sich zu nehmen, mobilisiert zugleich die Reidentifikation mit jenen Un- und Abarten des Deutschseins, die dank eben jenem Prozeß der Überwindung deutscher Identität, den ich "Vergessen" nenne, einer schleichenden Erosion ausgesetzt sind. Man mag dies einen Deal nennen oder energetischen Ausgleich: wer sich ein offeneres, couragierteres, politisch wacheres und sozial sensibleres Deutschland wünscht, muß den Angehörigen dieses Staates zugestehen, mit ihren gegenwärtigen Unfreiheiten auch den Schatten der Vergangenheit abzuschütteln. Beides ragt als zwei Enden derselben Verstrickung hervor: an dem einen ziehen, heißt, den Identitätsknoten auch um das andere enger zu schnüren. Wenn Deutschsein hingegen künftig hieße zu vergessen, was es einst einschloß, implizierte dies zugleich ein Vergessen dessen, was es jetzt krampfhaft (als "nichtdeutsch") ausschließt. Das "Eigene" vergessen statt des je eigenen Vergessens: vielleicht die einzige Chance, etwas mehr Europa, Welt, Licht in die deutschen Höhlen zu lassen.

Das liest sich, zumal aus der Feder eines Einwanderers, verstiegener, als es ist. Wenn man keine Identität als Deutscher ausbilden muß, um, plakativ gesagt, sich ein Quentchen Goethescher Humanität anzueignen bzw. die Barbarei des Dritten Reichs zu verabscheuen; dann ist nicht einzusehen, warum für deutsche Nachgeborene Auschwitz mehr sein soll als das schwärzeste Datum der Weltgeschichte (nämlich ein traumatisches und sich wundersam - metempsychotisch? - fortpflanzendes Integral ihres Stammbaums). Und während Mentalitätsforscher bereits Mühe haben, spezifisch Deutsches nach 1945 zu ermitteln, das repräsentativen, einigenden oder gar dämonischen Charakter bewahrt hätte; erinnerte Alexander Kluge unlängst daran, daß dieses Wort "deutsch" ursprünglich nicht einen bestimmten Volksstamm meinte, sondern ganz allgemein die Kenntlichkeit, eben das Deutlichwerden fremder (d.h. nicht lateinischer) Leute als Mitglieder eines Volkes. Diutisc/ theodiscus, das war ein soziales, und als solches für human erachtetes Lebewesen. Ein etymologisches Schicksal, das in gewisser Weise die Geschichte dieses genealogisch und territorial unbestimmten Volkes widerspiegelt, "...denn Deutschland hatte nie Grenzen in einem räumlichen Sinne. Es ist aus seinem Mangel heraus zu verstehen. Es ist eher zu verstehen, daß Deutschland zu jedem Zeitpunkt abwesend war, nicht zustande kam, daß sich daraus eine eigensinnige Sucht nach Einheit, nach einem Gemeinwesen an dieses Wort kristallisierte." [2]

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Am 2. Oktober Unter den Linden schien sich diese Sucht erstmals erschöpft zu haben: zu lange hat man auf die Einheit gewartet, um nicht von ihrer Verwirklichung enttäuscht; zu lange ihren Diskurs künstlich erhitzt, um dieser Gefühlsentropie nicht müde zu sein. Auch darum wurde die Mauer, das mächtigste Erinnerungsmal deutscher Nachkriegsgeschichte, in Rekordzeit spurlos beseitigt. Doch mit ihr ist paradoxerweise die letzte identitätspolitische Markierung, die letzte, nach der Katastrophe übriggebliebene Begrenzung Deutschlands verschwunden. Es war, als hätte man am Auffangbecken gesamtdeutscher Sehnsüchte den Stöpsel gezogen: seitdem fließt mit der gespaltenen auch die einheitliche Nationalität unaufhaltsam ab, schneller, als die Ersatzpolitik der großen Themen dies verkraftet. Die Menschen werfen auch hierzulande mit den Scheuklappen auch die großen Visionen auf die Tribünen der Geschichte zurück, wo sie herkamen. Im Gegensatz zu den Ideologen der Werteregression lernen sie Skandinavisch, d.h. ihr Selbstbewußtsein aus den flexiblen, kleinkalibrigen Identitätsmodulen aufzubauen, deren Muster älter sind als die von Staat und Nation, Volk oder Rasse: Sprache, Geschlecht und Familie, Freunde, Arbeit, Hobbies, Gewohnheiten. Und so mag sich an diesem Abend des 2. Oktobers erstmals ein tiefgreifender, aber unmerklicher Wandel angekündigt haben, eine endogene Diffusion des Deutschen, nicht ganz die Diaspora, wie Goethe oder Thomas Mann sie sich gewünscht hätten, eher das unfreiwillige Hinübergleiten ins ethnisch Eigenschaftslose oder Transethnische, das in keiner Nation aufgeht, und für das es vorerst keine adäquatere Haltung gibt, als eben die schnöde zur Schau getragene Indifferenz dem eigenen Fatum gegenüber. An dieser Schwelle blieb der Tag davor stehen. Die Deutschen, die sonst "immer zu spät kommen"[3], kamen wohl diesmal zu früh. Der Tag danach soll, so wird berichtet, wieder programmgemäß verlaufen sein: ein Tag wie jeder andere.


[1] Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. [Zurück]

[2] Alexander Kluge, Rede über das eigene Land. In: Deutschland - Nachdenken über das eigene Land. München 1988.[Zurück]

[3] Thomas Mann, Deutschland und die Deutschen. Des weiteren haben mitgedacht: Sigmund Freud, Das Unheimliche; Elias Canetti, Masse und Macht; Heleno Sana, Die verklemmte Nation (München 1989); Peter Sloterdijk, Versprechen auf Deutsch (Ffm. 1990); Slavoj Zizek, Genieße Deine Nation wie Dich selbst! (Lettre III/92); Botho Strauss, Anschwellender Bocksgesang (Spiegel 6/1993).[Zurück]

Erstabdruck in Lettre 4/1994