Daniele Dell'Agli : Essays : Deutschland


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Abschied vom Prinzipellen

Der Preis der Italianisierung

"In Deutschland funktionieren die Institutionen, bei uns zuhause die Menschen." So oder ähnlich pflegen Zuwanderer aus Südeuropa ihre Erfahrungen mit deutschen Ordnungmächten und ihren Vertretern zusammenzufassen, wobei sie menschliches Funktionieren der Einfachheit halber (und im Gegensatz zum ideologiekritischen Verständnis hierzulande) mit humanem Verhalten gleichsetzen, das jederzeit bereit ist, eine Ausnahme vom vorgeschriebenen Gang der Dinge zuzulassen. Daß der laxe "menschliche" Umgang mit Normen, Erlassen und Gesetzen selten aus reinem Mitgefühl erfolgt, versteht sich dabei von selbst und gehört zum "schwachen" Funktionieren dazu. Ob bei der Arbeits- oder Wohnungssuche, bei Behörden- oder Schaltergängen, Prüfungen oder Auftragsvergaben: wer südlich der Poebene Dienstleistungen in Anspruch nimmt oder Entscheidungen von zugleich persönlicher und öffentlicher Relevanz beeinflussen möchte, kann sich darauf verlassen, spätestens beim zweiten Nachfragen als Klient mit Verhandlungsmasse und nicht als Objekt angewandter Regelwerke wahrgenommen zu werden. Die Nachteile dieses Systems halb- oder scheinlegaler Arrangements unter Angehörigen zumindest verfassungsmäßig getrennter gesellschaftlicher Sphären sind bekannt und längst keine italienische Spezialität mehr. Seit gut einem Jahrzehnt zehren auch in Deutschland Steuerhinterziehung, Schwarzarbeit und Korruption, aber auch verlängerte Wochenenden und nicht zuletzt die skandalösen Überstundenrekorde an den Staatskassen ebenso wie am sozialen Zusammenhalt. An die einst wertebildenden calvinistischen "Sekundärtugenden" (Ordnung, Disziplin, Fleiß, Pünklichkeit, Redlichkeit, Pflichtbewußtsein) wird zwar landlauf landab bei jedem Medienauftritt und jeder Kundgebung appelliert, doch ernstlich vermißt werden sie mittlerweile vor allem von Japanern und Chinesen, die sich an den Gschaftlhubern des Wirtschaftswunders ein Vorbild nahmen und nun von den Amigos, Postenschacherern und Durchwurstlern der Zweidrittelgesellschaft enttäuscht abwenden. Unmerklich haben die Deutschen ihre ehernen Ordnungsmuster dereguliert und sich den entspannteren Formen zivilen Lebens ihrer mittel- und südeuropäischen Nachbarn angenähert, doch mehr als halbherzige Flexibilisierungen von Arbeitszeiten und Ladenschluß wurden ihnen von Parteien, Verbänden und dem Gesetzgeber nicht zugebilligt.

Die Spendenaffäre bringt die ganze Ambivalenz dieses Mentalitätswandels zutage: je größer die Bedeutung persönlicher Beziehungen und damit je wärmer, emotionaler und individueller der gegenseitige Umgang von Entscheidungsbefugten in Politik, Verwaltung und Wirtschaft, desto größer die Versuchung der halb- oder illegalen Vorteilsbeschaffungen, Schiebereien, Mogeleien. Moralisch integres, politisch korrektes und juristisch einwandfreies Verhalten mag es dem Ideal nach und wohl auch in der Praxis bei preußischen Beamten und den Prinzipienreitern der Restaurationsära gegeben haben: sympathisch oder auch nur psychosozial wünschenswert war dieser Typus des anonymen Funktionsträgers nie. Begrüßt man aber folgerichtig die zunehmende Durchlässigkeit von Charakterpanzern, also die schleichende Italianisierung des deutschen Apparatschik, darf man sich nicht darüber wundern, daß dieser listen- und fintenreiche Zuwendungsempfänger in Ausübung seines Dienstes an Staat oder Unternehmen immer auch an das eigene Konto denkt. Korruption in reichen Ländern ist eben nicht nur Ausdruck von Gier und allgemeiner des Umstands, daß Geld die sozialen Kontakte besser schmiert als die Kontrollwut eines sittenfesten Überichs; sie ist darüberhinaus Symptom einer mißlingenden Identifikation des Einzelnen mit dem Gemeinwohl, dem Staatswesen oder den Firmenbelangen. Die soziologisch gut erfaßte Individualisierung zersetzt nicht nur den Repräsentationsaspekt von Demokratien (Partikularinteressen lassen sich immer schwerer delegieren, Politikerprofile, die einen imaginären Durchschnitt anpeilen, verblassen bis zur Austauschbarkeit) sondern mehr noch den Codex stellvertretenden Handelns und Fühlens, die moralischen Imperative des Gewissens und Mitleidens überhaupt.

Mit strengeren Sanktionen wird man diese untergründige Chaotisierung des sozialen Körpers nicht eindämmen können. Menschliche Verführbarkeit läßt sich weder abschrecken noch gerecht bestrafen, sonst müßte man damit bei den unzähligen Frauen beginnen, die ständig durch sachfremde Geschenke zum Beischlaf bestochen werden müssen. Die vielfach geforderte Transparenz wiederum dürfte ein frommer Wunsch sein, denn gläserne Schaltstellen zwischen Wirtschaft, Politik und Verwaltung würden zwar das Klüngeln erschweren, aber dafür das strukturell Undemokratische nahezu aller Entscheidungsprozesse im öffentlichen Raum bloßlegen. Meinungsmacher sollten daher in den wenigen luziden Augenblicken zwischen Enthüllung und Entrüstung vom Gestrüpp der Verdächtigungen zurücktreten und einmal die Erleichterung darüber zulassen, daß die Spezies des obrigkeitshörigen Untertanen offensichtlich ebenso im Aussterben begriffen ist wie die Figur des idealistischen Parteifunktionärs. Die Philosophie hat den "Abschied vom Prinzipiellen", "das Recht der nächsten Dinge vor den letzten" (Odo Marquard) bereits vor zwei Jahrzehnten proklamiert und damit einen gesellschaftlichen Trend vorweggenommen, den die Eiferer politischer Korrektheit vergeblich seitdem zu maßregeln suchen. Denn die Erosion des alten Tugendkanons ist nicht mehr aufzuhalten, während die öffentliche Diskussion darüber, wie die vakante Stelle zu besetzen wäre, noch nicht einmal begonnen hat. Wer aber den Kältestrom protestantisch gereinigter Verhältnisse vermißt, der kann ja nach Finnland auswandern: dort sind die Winter doppelt so lang, die Kinder doppelt so brav und die Bananen doppelt so teuer.

Erstabdruck in FR, 6.04.2002