Daniele Dell'Agli : Essays : Gastrosophie


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Wenn das Fleisch Wort wird.

Ein Purgatorium in fünf Klärstufen

Am Anfang war das Fleisch. Und das Fleisch blökte, grunzte und qiekte. Und der Mensch sah, daß es lebendig war und ihm ähnlich. Dann aber kam das Wort in die Welt und drang ein in das Fleisch. Doch das Fleisch fuhr fort zu blöken, zu grunzen und zu quieken. Und der Mensch sah, dass es tot war und genießbar. Also wurde das Fleisch Wort.

I

Am Anfang steht die Kinderfrage, warum wir nicht zum Tier werden, das wir essen; am Ende der Verdacht, die Verwandlung habe längst, wenn auch unbemerkt, stattgefunden. Da es hierbei um Wege und Inhalte einer Übertragung oder Infektion geht, haben wir es mit einer epidemiologischen Fragestellung zu tun. Epidemie bedeutet wörtlich "im ganzen Volk verbreitet" und kann somit für BSE nicht in Anspruch genommen werden. Bislang weiß man weder, wodurch einzelne Tiere erkranken noch warum es bei isolierten Einzelfällen bleibt; und schon gar nicht ist die Übertragbarkeit auf den Menschen gesichert. Epidemisch ist demnach lediglich die Hysterie um das rätselhafte Verhalten von Enzymketten und der Wille zur Vernichtung all ihrer potentiellen Träger, ganz gleich wie unwahrscheinlich oder infinitesimal klein ihr tatsächliches Vorkommen sein mag. Die Marktbereinigung des agro-industriellen Komplexes fängt mithin bereits mit mutwilliger Panikmache und dem falschen Verdacht an; und sie setzt sich fort nach Maßgabe einer Logik, derzufolge man mit ungleich größerer Berechtigung alle Hunde über zwanzig Kilogramm Lebendgewicht "beseitigen" müßte, weil ein paar wildgewordene Exemplare Menschen angefallen haben. Die Maul-und-Klauen-Seuche wiederum erfüllt zwar den Begriff der Epidemie, ist aber weder für infizierte Menschen noch für die erkrankten Tiere gefährlich, sondern lediglich für das ökonomische Kalkül der Bauern, die gravierende Ertragsminderungen in Kauf nehmen müssen. Man hätte die Tiere, wie es noch vor Jahrzehnten üblich war, unter Quarantäne stellen und behandeln können, doch auch hier schreitet die instrumentelle Vernunft - selbst bei unbestätigtem Verdacht - sogleich zur billigeren Endlösung.

Daß sich gegen diese ungeheuerlichen Praktiken kaum Widerstand regt; daß das Schreddern, Zermahlen und Verbrennen von Millionen gesunder bzw. harmlos erkrankter Tiere weitgehend mit Achselzucken quittiert wird, ist unverkennbares Symptom einer erfolgreichen Ansteckung des Menschen durch seine Opfer. Übertragen wird offenbar nicht, wie man früher glaubte, tierische Wildheit oder Aggression - die wird man man bei unseren braven Fleischlieferanten ohnehin nicht finden, und seit Hitler sollte der Gegensatz von gewalttätigem Fleisch- und friedlichem Pflanzenfresser endgültig dem Aberglauben angehören. Nein, es ist die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal artfremder Lebewesen und prinzipiell auch fremder Artgenossen, die das Maß tierischer Verrohung des Menschen abgibt, der sich einst stolz durch sein Mitgefühl von den Tieren unterscheiden zu können glaubte . Die Rache der Natur ist nicht der gespenstische Prionenbefall bzw. die Angst davor, sondern die Vertierung der Fleischfresser, die das erbärmliche Schicksal ihrer Nahrungsspender weniger kümmert als das Wohlergehen der roten Waldameise oder irgendeiner vom Aussterben bedrohten Salamanderart auf Madagaskar. Man muß sich das in aller Schärfe vergegenwärtigen: ausgerechnet jene Tiere, die uns sei es stammesgeschichtlich (von Primaten abgesehen) am nächsten stehen, sei es physiologisch über unseren Stoffwechsel aufs engste mit uns verbunden sind, achten wir am geringsten; ausgerechnet für Rind, Schwein und Huhn soll Tierschutz nicht gelten. Es ist, als ob wir sie obendrein verachten würden für alles das, was sie widerstandslos mit sich machen lassen; und dafür, daß sie sich als so maschinenkompatibel erwiesen haben, wie es eine lange Tradition der Entseelung immer schon vermutet hatte. Und diese Mischung aus Geringschätzung und Fühllosigkeit scheint wiederum unabdingbare Voraussetzung dafür zu sein, daß wir sie verspeisen.

Allein schon die Verlängerung der Nahrungskette durch die mehrstufigen Verwertungs- und Vertriebswege sorgt dafür, daß an ihrem Ende auf unserem Teller jede Spur des lebendigen Urpsrungs getilgt ist. Insofern greifen religionsphilosophische Kategorien wie Schuld, rituelles Opfer oder Kannibalismus nicht mehr. "Verdrängt" werden - in einem laxen Sinn dieses Begriffs - jene elementaren Dimensionen unserer Ernährung, die von der Versorgungslogistik einer Massengesellschaft zwangsläufig der Wahrnehmung entzogen werden: daß wir eine Symbiose mit empfindungsfähigen und bedürftigen Wesen eingegangen sind, die zu einem entsprechenden ethischen Verhalten verpflichtet; und daß wir ihnen stattdessen eine Hölle aus Gefängnis und Folter errichtet haben. In dieser Perspektive erscheint es als ein besonderer Skandal, wenn ausgerechnet jene Berufsgruppen - Bauern und Veterinäre, Schlachter und Transporteure -, die tagaus tagein unmittelbar mit dem Leid der von ihnen unter unwürdigsten Bedingungen gehaltenen und getöteten Tiere konfrontiert werden, sich jetzt als Opfer der Politik inszenieren. Daß sie jederzeit hätten anders wirtschaften können, haben die Bio-Bauern hinlänglich bewiesen.

II

Seitdem das Fleisch Wort wurde, ist es uns wurscht. Erst wenn es vom Wort abfällt und auf den Index kommt, merken wir, was wir essen. Index heißt wörtlich Zeigefinger. Während der Zeigefinger früher auf ketzerische Schriften, später auf pornographische bzw. blutrünstige Filme gerichtet wurde, zeigt er heute auf ganze Tierarten. Nach dem Abfall vom Glauben und den Abfällen ethisch-ästhetischer Wertvorstellungen nun also der Abfall von der Gesundheitsnorm. Die indizierten Lebewesen werden gleich mehrfach zu Abfall deklariert: zum ökonomischen der Überschußproduktion, zum trophologischen der Lebensmittelindustrie, zum biochemischen der Tierbeseitigungsanstalten. Wenn das Fleisch vom Wort abfällt, brennen die Kadaver. An den Scheiterhaufen und den Rauchfahnen der Krematorien offenbart sich, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, das fließbandmäßige Massentöten, auf das die Zivilisation der Nordhemisphäre ihre Reproduktion gegründet hat. Und so muß die Frage neu diskutiert werden: Müssen Menschen, die aufgehört haben, sich gegenseitig zu dezimieren, Krieg führen gegen die Natur, die Tiere, ihren eigenen Körper? Ist dies der Preis für die Stabilität gesellschaftlicher Verhältnisse? Tatsache ist: überall dort in der Welt, wo das Verhältnis des Menschen zum Tier und zu der Biosphäre insgesamt (schon aus Mangel an technologischen und ökonomischen Ressourcen) noch nicht marktwirtschaftlich entartet ist, in weiten Regionen Afrikas und Asiens, herrscht Krieg, Folter, Mord und Totschlag.

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Verwirklichung all jener Phantasmen, die sich im kollektiven Imaginären des Abendlands seit Jahrtausenden eingenistet hatten: der Traum vom Fliegen, die Vernichtung der Juden, die Unterwerfung der Erde... Die unseligen Sprüche einer atrophierten Tradition wurden beim Wort genommen, die Visionen verwirklicht und beerdigt. Oder vielleicht nicht? Wer aus Gründen politischer Korrektheit sich scheut, die grausigen Assoziationen auszusprechen, leistet seinen Beitrag zur Verschleierung der Motivlage.

Präzisieren wir also die Frage: ist der Holocaust im ursprünglichen Sinn dieses Wortes, also das "vollständige animalische Brandopfer" auf dem Altar einer numinosen Macht - heute der ökonomischen Ratio - notwendige Bedingung für das reibungslose Funktionieren von sozialen Verhältnissen, deren strukturelle Gewalt für die Individuen ansonsten unerträglich wäre? Wird hier ein anthropologisch konstantes Gewaltpotential lediglich umgelenkt, verschoben auf die nichtmenschliche Natur? Und ist industrialisierte Landwirtschaft, wie Heidegger vermutete, "ihrem Wesen nach" wirklich etwas anderes als die "Fabrikation von Leichen in Auschwitz"? Zwar wurden die Kassandrarufe angesichts der Chicagoer Schlachthöfe zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, man werde mit den Menschen eines Tages dasselbe machen, bald von der historischen Realität überholt (daß die ökologische Bewegung die einschlägigen Schriften ihrer Gründungsväter Klages, Steiner und Spengler nie zur Kenntnis genommen hat, ist nichtsdestotrotz beschämend). Doch daß der industrialisierte Massenmord hinter uns liegt, ist kein Grund zur Entwarnung. Unmittelbar nach der Jahrhundertkatastrophe begann mit der Atomwirtschaft sogleich das nächste Experiment an der Verfügungsmasse Mensch, das - wie aus zeitlicher Distanz immer deutlicher wird - zivil wie militärisch nur durch eine Verkettung glücklicher Zufälle nicht zur Auslöschung eines Großteils der Gattung geführt hat. Und seit Tschernobyl wissen wir, was Menschenleben wert sind in einem Land, das nicht einmal die medizinische Basisversorgung seiner Bevölkerung organisieren kann.

Ebenso offenkundig aber ist, daß Gesellschaften, die sich Massen- bzw. Intensivtierhaltung und -tötung unter KZ- Bedingungen leisten (und das ist keine Frage der Zahl oder der Größe eines Betriebes), psychohistorisch den Kontakt zu der abscheulichsten Form von Naturbeherrschung noch nicht verloren haben. Ob sie sich damit latent die Option für die Eliminierung eines unerwünschten "Bestands" ihrer Mitglieder unter gewissen Indikationen offenhalten, läßt sich nicht sagen. Sicher ist, daß man diese eines Tages nach aktuellem Vorbild nicht mehr rassistisch, sondern epidemiologisch (oder bevölkerungsstatistisch) begründen würde. Der Unterschied zu den Opfern atomarer Verstrahlung reduziert sich darauf, daß diese billigend in Kauf genommen werden, während jene bewußt geplant werden müßten. Die ethische (und epistemologische) Ausgangssituation ist indes die gleiche: Wenn das Fleisch nur noch Wort ist, kann man alles damit machen. Das ist die tragische und bis heute unbegriffene Hypothek logozentrischer, nominalistischer, kulturalistischer Weltbemächtigung.

III

Kraftfutter, Tiermehl, Milchaustauscher, Großvieheinheit, Bestandskeulung, Risikomaterial, Separatorenfleisch. Und das Fleisch ward Wort und wohnte unter uns....

Von der vielgescholtenen christlichen Leibfeindlichkeit legt die aufgeklärte Spätmoderne eher ex negativo Zeugnis ab, insbesondere anhand therapeutischer Befreiungsversuche in der Nachfolge schwarzromantischer, surrealistischer oder existenzialistischer Dekadenz: allesamt paradoxe Reaktionen auf einen Enthaltsamkeitskodex, der erst im Protestantismus seine epidemische Virulenz entfalten konnte und den unsere Spaßgesellschaft immer noch krampfhaft abzuschütteln versucht. Was liegt da also näher, als unserer hemmungslosen Fleischfresserei eine ähnliche Ätiologie zu unterstellen wie der deregulierten, in ihrer Formlosigkeit zunehmend auch belangloseren Sexualität?

Die Inkarnationslehre besagt, daß die Menschwerdung Gottes, also die Menschwerdung überhaupt, insofern der Mensch - im Gegensatz zu den Tieren - als Ebenbild Gottes definiert wird, als Fleischwerden des Logos oder des Wortes vorgestellt werden muß. Zeitgleich zur Verkörperungsmetaphorik setzt eine weltgeschichtlich beispiellose Entwertung sinnlicher Erfahrung zugunsten der "höheren" Weihen spiritueller Reinheit, wie sie sich vor allem bei Paulus und Augustinus kodifiziert findet. Daß das Fleisch an sich tot sei und erst durch das Wort verlebendigt wird (Joh. 6, 63), begleitet als symbolisches Hintergrundrauschen seit der Spätantike einen Zivilisationsprozeß, der historisch und anthropologisch als Abstraktion vom Körper beschrieben werden kann: erst wurde der wilde, heidnische, dionysische Körper gezähmt, geächtet und sediert - und anschließend die kastrierte Subjektivität mit einem Verkörperungsphantasma gegen die Entzugserscheinungen infiziert.

Die Depotenzierung des Körpers zur bloßen Hülle, zum dinghaften Fleisch verlangte nach einer komplementären Entseelung der wortlosen Wesen: dem Tier wurde die Seele abgesprochen, die es doch bis heute in seinem lateinischen Begriff mit sich führt. Die menschliche Seele sollte nicht länger mit der verfemten Animalität seiner Antriebe assoziiert werden. Der kategorische Imperativ des Abendmahls wiederum stiftete die Verbindung zum Fleischverzehr: "Wer mein Fleisch ißt und trinkt mein Blut, der hat das ewige Leben". Das ewige Leben: der Mensch regeneriert nicht nur seinen Stoffwechsel durch die Nahrungszufuhr; sie ist ihm - dem Mann ungleich mehr als der Frau - auch Quelle der Verlebendigung seiner stets vom Versiegen bedrohten Vitalität, also seiner Lebenslust. Diese Halluzination einer in ihm schlummernden Kraft, die ihn jenseits aller Individualität und Gattungszugehörigkeit an einem unzerstörbaren Kontinuum teilhaben läßt, können ihm - neben der Sexualität - vor allem zwei Elemente verschaffen: Fleisch und Wein. Im Namen des "ewigen Lebens" bannt der Nekrophage an den Fleisch-töpfen die Angst vor der Hinfälligkeit und der Endlichkeit des eigenen Fleisches.

Die Inkubation des spezifisch christlichen Zusammenhangs einer Entfremdung des Menschen von den Tieren als Ausdruck einer Entfremdung von der Animalität seines eigenen - auf Verkörperung einer Lebensführung im Glauben reduzierten - Körpers währte exakt solange, wie die Arbeitsprozesse die ganze Sensomotorik der Individuen forderten und die verdrängte Wildheit sich in Kampf und Krieg austoben konnte. Mit dem Siegeszug der modernen Technologie ergreifen die komplementären Strategien christlicher Weltüberwindung - Körperverachtung und Verkörperungsanspruch - die Psychodynamik der Subjekte: die Entlastung körperlicher Arbeit setzt ein diffuses Gefühl sinnlichen Abgestorbenseins am nunmehr als nutzlos empfundenen Energiesklaven frei - einen Hunger nach Körperlichkeit; in den neuen, historisch erstmals friedlichen Freiräumen wiederum wird das Leiden an den entfremdeten Strukturen der Daseinsbewältigung chronisch und reflexiv zugleich - und mit ihm der Hunger nach Sinn, nach Verkörperung eines Auftrags, einer Bestimmung im Diesseits. Erst die Verschlingung der beiden Motive entfesselt die moderne Unersättlichkeit, die die Nachfrage nach Fleisch, Alkohol, Tabak, Popmusik und anderen Breitbandstimulantien antreibt. Die Füllung tritt an die Stelle der Erfüllung. Und wenn wir fragen, was uns fehlt, das wir mit permanentem Fleischgenuß kompensieren, dann lautet die Antwort ganz einfach: Fleisch. Körper. Leibhaftigkeit. Ein Funken ewiges Leben.

IV

Wenn das Fleisch Wort wird, ist es nichts mehr wert. Die Ausgangssituation von Bunuels "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" ist bekannt: eine Gruppe von Freunden trifft sich zum Abendessen, doch etwas kommt dazwischen, das Diner findet nicht statt. Dieses szenische Grundmuster wird im Verlauf des Films mehrfach wiederholt, wobei lediglich die Hindernisse variieren. Immer wieder kann man sich in letzter Zeit an diesen Plot erinnert fühlen, den der Altmeister des Surrealismus vor nunmehr dreißig Jahren realisierte, also zu Beginn jener - durch den Beitritt Großbritanniens ab 1973 forcierten - Landwirtschaftspolitik der EWG, deren Folgen sensiblen Zeitgenossen mittlerweile jede Lust auf opulente Mahlzeiten verleidet. Wann immer sie sich heute zu Tisch begeben, kommt etwas dazwischen: Nachrichten über BSE oder MKS, über Hormone, Antibiotika und genmanipuliertes Futter; und Bilder: von Tiertransporten und Schlachthöfen, Legebatterien und Scheiterhaufen. Wie bei Bunuel brechen Turbulenzen der Außenwelt die geschlossenen Räume auf, in denen das ahistorische Ritual des Essens vollzogen werden soll; mit dem Unterschied, daß sich heute nicht das Desinteresse eines saturierten Bürgertums an die politischen Krisen "draußen" rächt, sondern perfiderweise das Desinteresse saturierter Endverbraucher am Zustandekommen ihres täglichen Inputs. Wenn es daher eine Hoffnung gibt, daß die aktuelle Versorgungskrise zu einer nachhaltigen Irritation des Ernährungsverhaltens führt, dann liegt sie nicht im periodisch aufflackernden (und wieder erlöschenden) Mitgefühl für die bedauernswerten Tiere begründet, sondern in einer diffusen narzißtischen Kränkung, die bislang noch nicht gebührend beachtet wurde.

Gemeint ist der Widerspruch zwischen dem entfesselten Individualismus der Spätmoderne und den Zumutungen einer standardisierten Nahrungskette.

Wer täglich aufs Neue seine hochgradig individualisierten Ansprüche gegen die Gleichschaltungsangebote der Konsumindustrie zu behaupten versucht, läßt sich ungern an den Grundsatz erinnern, daß schon die bloße Masse dazu neigt, die Besonderheit und damit die Qualität eines Produkts zu entwerten. Unter welch unwürdigen Bedingungen Schlachttiere gehalten und gemästet werden, kann künftig schon deshalb nicht mehr so leicht verdrängt werden, weil für die Konsumenten sichtbar geworden ist, daß schon die Massenproduktion eine Abfallproduktion ist: Wegwerffleisch von Wegwerftieren für...? Richtig: Wenn der Mensch ist, was er ißt, dann entwertet er sich in diesem Kreislauf selbst zum Abfallbehälter, bestenfalls Durchlauferhitzer für Proteinsubstrate. Seitdem er diesen besonderen Stoff immer und an jeder Ecke, zu jedem Preis, in jeder beliebigen Menge kaufen kann, ist der Mensch zum Sarkophag, wörtlich zum Fleischvertilger, zum Tiersarg geworden: das kann ihm schon aus Gründen der Selbstachtung nicht länger gleichgültig bleiben.

Ebensowenig wie die Einsicht, daß zum Savoir-vivre ein Sinn für das Kostbare gehört, das sich durch Seltenheit auszeichnet, und das wir weder kosten noch schätzen lernen, wenn wir es täglich verbrauchen. Die Pointe des routiniert gedankenlosen Konsums von Lebensmitteln ist, daß man sich dadurch genau um den Effekt betrügt, den man sich von ihnen verspricht. Dieser mag objektiv in der Zufuhr betriebsnotwendiger Nährstoffe für den Organismus liegen; für das subjektive Empfinden hingegen ist das durch sie vermittelte Lebensgefühl, die vitalisierende, stimmungsaufhellende Wirkung der Speisen entscheidend. Daß diese in der Regel ausbleibt, ist ein wesentlicher Grund für die chronische Gefräßigkeit, mit der die Bewohner der Nordhemisphäre seit den Hungersnöten der Nachkriegszeit ihren Lebenshunger zu kompensieren suchen.

Aber die leichte Verfügbarkeit des Fleisches allein erklärt nicht den achtlosen Griff nach der portionfertigen Scheibe, die man nur in die Pfanne zu hauen und einmal umzudrehen braucht. Dieser verrät vielmehr etwas von der protestantischen Gleichgültigkeit gegenüber dem Nahrungsmittel als solchem, das von den meisten Deutschen und Angelsachsen grundsätzlich und ohne finanzielle Not einzig nach dem Preis gekauft wird - dem in Mark und Pfennig errechneten, versteht sich, und nicht den von Gesundheit, Ästhetik, Lebenserwartung oder gar ausbleibender Genüsse. Am niedrigsten Instinkt - der Mißachtung dessen, was man zu sich nimmt und wovon man basal lebt - offenbart sich das ungebrochene Fortwirken einer Innerlichkeitskultur, die spätestens seit dem Dreißigjährigen Krieg den Deutschen jeden Sinn für kulinarische Freuden ausgetrieben hat. Daß sich hieran trotz des pädagogischen Eifers unserer Fernsehköche nichts geändert hat, kann man sich an den Reaktionen auf die gegenwärtige Versorgunsghysterie veranschaulichen: die einen verweisen darauf, daß der Fleischkonsum ernährungswissenschaftlich überhaupt nicht gerechtfertigt ist; der Körper könne sich die entsprechenden Proteine, Vitamine und Mineralien auch aus pflanzlichen Lebensmitteln holen. Die Sorge der anderen Gruppe gilt dem gesundheitlich unbedenklichen Fleisch; Keimfreiheit ist das höchste Qualitätssiegel, das sie zu vergeben hat. Die einen tun so, als habe das Essen wie in der Steinzeit ausschließlich der Sicherung der Selbsterhaltung zu dienen; genausogut wie auf Fleischverzehr könnten wir dann aber auch auf Autos, Zentralheizungen oder Feuilletons verzichten. Die anderen verschenken das Junktim zwischen artgerechter Tierhaltung und organoleptischen Eigenschaften; für sie ist Nahrungsaufnahme in erster Linie ein hygienisches Problem. Um Geschmack und Genuß geht es beiden nicht. Dabei könnte ein Hebel zur Veränderung der Landwirtschaft gerade in einem gastronomischen Paradigmenwechsel liegen, wenn sich erst einmal die Erkenntnis durchsetzt, daß diätetische Aufklärung ohne flankierende Geschmackserziehung dazu verurteilt ist, folgenlos zu bleiben. Um den langwierigen Prozeß einer solchen Umstellung, die bereits in den Schulen ansetzen müßte, zu beschleunigen, wäre neben einer ökologischen Preispolitik, die Fleisch wieder zum Luxusgut nobilitiert, dringend ein Verkaufsverbot jedweder Zuschnitte erforderlich, die auf schnelles Zubereiten und Verschlingen ohne jede Erinnerung an das getötete Tier bzw. an die Verwandschaft von Speisenden und Verspeisten angelegt sind. Massentierhaltung könnte schnell der Vergangenheit angehören, wenn Fleischverzehr wieder ein seltener Anlaß zur lustvollen Regression in geselliger Runde würde, zur Feier jener archaischen Geste, die allein dazu taugt, die verschüttete Animalität in uns selber zu erwecken: das Reißen und Abnagen des Fleisches vom Knochen.

V

Wenn das Fleisch Wort wird, schweigen die Lämmer. Kulturgeschichtlich ist das von allen rituellen, mythologischen, religiösen und psychogenetischen Konnotationen gereinigte Fleisch, das jeden Geschmack an Tod und Gewalt verloren hat und dessen Form an keine tierische Gestalt mehr erinnert, ein Endprodukt jenes Rationalisierungsunternehmens der Moderne, das seit Max Weber als Entzauberung der Welt beschrieben wird. Parallel zu den technologischen Modernisierungsschüben und dem durch sie forcierten Zivilisationsbruch der industrialisierten Landwirtschaft wurden die symbolischen Orientierungen traditioneller Wertesysteme ebenso liquidiert wie die affektiven Besetzungen des kollektiven Imaginären, die eine zehntausendjährige Symbiose von Mensch, Tier und Pflanze stabilisiert hatten. Doch die vertriebene Bilderwelt von Religion und Mythologie stellte sich bald wieder ein: als surrealistische Phantastik zunächst in der Malerei, wo sie, ähnlich wie bei Bunuel nur noch in ironischer Brechung zitiert wird; später im Horror-Film, der den bis dahin zwischen Buchdeckeln und Schädelwänden spukenden Spiritismus nun dank Special effects mit naturalistischer Suggestionsmacht entfesselte. Dabei spricht vieles dafür, daß die audiovisuell vermittelten Bilder nicht anders funktionieren als ihre ikonographischen Vorlagen: als Medien der Distanzierung, um das Entsetzen zugleich zu beschwören und zu bannen (für die Lammkeule heißt das: den Teufelskreis von schlechtem Gewissen und Wiederholungszwang zu erneuern). Neu ist die Verwischung der Grenze zwischen Fiktion und Dokumentation in der Wahrnehmung der Zuschauer. Darum verdirbt jede telegen aufbereitete Darstellung des Grauens den Appetit gerade für die Dauer eines kurzen Schocks.

Für unser Verhältnis zu den Nutztieren bedeutet dies zum einen, daß es keinen Weg zurück zu einer naiven kosmologischen Symbolik (z.B. sinnvoller Tieropfer zu festlichen anlässen) gibt; und zum anderen, daß eine nachhaltige Sensibilisierung allein von der leibhaftigen Konfrontation mit jenen Tiermastanlagen zu erwarten wäre, die der Volksmund immer noch verklärend "Ställe" nennt. Mit ernüchternden Sinneseindrücken - etwa dem beißenden Ammoniak-Gestank - gegen die scheinbar aufreizende, in Wahrheit beschwichtigende Macht von Worten, Zahlen und Bildern geimpft, fiele es leichter, für ein diskursives Reinheitsgebot zu plädieren und im modernen Ersatz des Opfer-Altars durch Küchenbrett und Kochplatte die Chance für einen gastrosophischen Neuanfang wahrzunehmen. Dann würde auch die Horror-Faszination kenntlich nicht als Wiederkehr des Verdrängten (wie es die gängige Kulturkritik unterstellen möchte), sondern als Ausverkauf, subjektiv als Exorzierung einer obsoleten Transzendenzfolklore, deren Remakes - wie jüngst "Hannibal Lecter" - nur noch geschmacklos wirken, weil der kannibalische Kick beim Spanferkel uns heute so fern ist wie der psychoanalytische Beziehungswahn oder der Hokuspokus (hoc est corpus meum) der Eucharistie.

Das wortgewordene, restlos profanisierte Fleisch nämlich schmeckt oder schmeckt nicht, sättigt oder sättigt nicht, belebt oder belebt nicht. Basta. Keine Schuldgefühle, keine totemistischen Reminiszenzen; weder theriomorphe noch metempsychotische Anwandlungen. Zum Teufel mit Dionysos und Prometheus, mit Transsubstantiation und Urvatermord. Das Tal der Barbarei - der Beziehungslosigkeit - muß ganz durchgeschritten, der religiöse Hautgout vollständig ausgekocht werden: wenn der Allesvertilger, der homo panphagus (Nietzsche) auch die Worte und Bilder verzehrt und die Affekte gleich mit verdaut und ausgeschieden hat, wird er die Tiere vielleicht endlich Tiere sein lassen.

Gekürzte Fassung in der FR vom 29.3.2001