Daniele Dell'Agli : Essays : Kulturkritik


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Das Unverfügbare. Eingrenzung der Kampfzone

Zur Stellvertreterdebatte in der Bio-Ethik.

I. Eine Stellvertreterdebatte

Studieren Sie etwas Bestimmtes - oder bloß alles? Wer sich heutzutage aufmacht, einen gestandenen Kulturwissenschaftler mit diesem nicht unbegründeten Verdacht zu konfrontieren, wird ihm kaum mehr als ein Achselzucken entlocken. Wo da der Unterschied sei, wird man ihm antworten. Da alles kulturell bestimmt sei, habe man ohnehin überall ein Wörtchen mitzureden, ja, daß man sich überall einmischt, sei im Umkehrschluß Ausweis genuin kulturalistischer Kompetenz. Keine Spur von Verlegenheit angesichts der beispiellosen Expansion dieses Forschungsbereichs seit etwa anderthalb Jahrzehnten; keine Scham darüber, mittlerweile das gesamte Spektrum erfahrbarer Weltphänomenalität zum Themenkatalog humanwissenschaftlicher Projekte entmächtigt und damit - ob beabsichtigt oder nicht - zur Disposition gestellt zu haben.

In der aktuellen Debatte um Konturen einer künftigen Bioethik ist dieses Grunddilemma des Kulturalismus deutlicher denn je zutage getreten. Es kristallisiert sich um das Dogma der Tabula rasa, derzufolge der Mensch als unbeschriebenes Blatt zur Welt kommt und - folgt man den Gender studies - bis hin zu seinen sekundären Geschlechtsmerkmalen sozial konstruiert wird. Nun läßt sich zum einen die stillschweigende Voraussetzung einer unendlichen Modellierbarkeit des humanoiden Substrats schlecht mit der nach wie vor mangelhaften Einsicht in seine Entwicklungsgesetze vereinbaren, die doch gerade von Kulturalisten schnell eingestanden wird. Zum anderen fällt auf, daß die Verfügungsgewalt über das phylogenetische Erbe, die vehement kritisiert wird, wenn es um ökologische, gentechnische oder medizinische Eingriffe geht, mit größter Selbstverständlichkeit für die soziokulturell gesteuerte Kontingenzbereinigung in Anspruch genommen wird. Einmal unterstellt, es ginge wirklich um die Alternative, Menschenmaterial entweder in diskurspolitischen Langzeitversuchen zurechtzutrimmen oder gleich mit Spritze und Pipette zu züchten: wer möchte da entscheiden, was humaner ist? Wer keine Grenzen kulturtechnischer Formation akzeptiert, hat jedenfalls moralisch sein Recht verwirkt, gegen die biochemische Bastelei am Erbgut mobil zu machen.

Doch die Hybridisierung szientifischer und späthumanistischer Motive führt zu weiteren paradoxen Rückkopplungseffekten. Jede Novität an der Laborfront feuilletonistisch mit der Ankündigung des bevorstehenden Übermenschen, Re-plikanten, Androiden, etc. zu quittieren - Special effect einer offenbar mit Feldforschungen bei Couch potatos unterforderten Disziplin -, läuft darauf hinaus, der Gentechnologie auf dem Wege negativer Akklamation eine Bedeutung zu verschaffen, die ihr nicht zukommt und von ihren Betreibern auch nie reklamiert wurde. Im Gegensatz zu ihren Kritikern - in Wahrheit Gläubigern - wissen diese nämlich sehr genau um die unendliche und ständig wachsende Komplexität ihrer Materie und um das Risiko, mit jeder neuen Erkenntnis das Feld des Unbeherrschbaren eher zu erweitern als zu reduzieren.

Mit ihrem hysterischen Alarmismus entlarven die Berufsapokalyptiker schließlich die Inkonsistenz ihres eigenen Glaubensartikels: man kann nicht unentwegt verkünden, daß der Mensch hochprozentig kulturell geprägt ist und zugleich in möglichen gentechnischen Eingriffen auf den noch gnädig konzedierten Rest wirkungsmächtiger Biomasse die Pervertierung der conditio humana am Werk sehen; das hieße im Klartext zugeben, daß man den Anteil des evolutionären Faktors insgeheim doch wesentlich höher veranschlagt. Wer das Horrorszenario genetisch reduplizierter oder willkürlich optimierter Prototypen ausmalt, redet einer anthropotechnischen Machbarkeit das Wort, die so naiv von keinem seriösen Grundlagenforscher geteilt wird.

Die maßlose - und zum nicht geringen Teil geheuchelte - Aufgeregtheit um geklonte Wesen, die schon molekular niemals völlig identisch sein können, geschweige denn phänotypisch oder gar personal, läßt vermuten, daß die Abwehr anderen Dämonen gilt - dem Phantasma des Doppelgängers etwa oder der drohenden Realsatire auf jenes andere humanistische Großprojekt, das im Gleichheitsgrundsatz der Menschenrechtscharta seinen terminus post quem gefunden zu haben glaubte. Während der Globus von Devisenmärkten und Popmusik gleichgeschaltet wird, Milliarden Erdenbewohner im Takt von Vierzylindern oder Koransuren marschieren, empört sich die Intelligenz der Nordhemisphäre über die ziemlich unwahrscheinliche und extrem minoritäre Homogenisierung genetischer Reproduktion. Hat man sie schon vergessen, die Züchtungsergebnisse von Schule und Militär, von Religion und Partei, von Arbeitsformen, Produktionsrhythmen und Betonwüsten?

Wenn dieses künstlich hochgespielte Problem die Nerven und Energien eines beträchtlichen Teils unserer Diskursgemeinden nicht auf unabsehbare Zeit weiter strapazieren soll, gibt es nur eine Lösung: man möge die Experimente so schnell wie möglich durchführen, "an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen". Wie aber, wenn es nichts zu erkennen gibt? Wenn das Resultat wie stets bei vollstreckter Utopie für alle Beteiligte ein gigantischer Flop sein wird? Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle, das ganze Repertoire an Standardabweichungen, die zur Vollimago eines menschlichen Individuums gehören. Dessen Begriff wird ohnehin nur noch kontrafaktisch emphatisiert, als Emergenz unter massenhaft mit denselben Meinungen, Haltungen und Jargons, Bildern und Suchtstoffen geklonten Bewußtseinen, während die unverdrossen in seinem Namen boomende Alteritätsphilosophie nur noch dazu dient, den Schwund jeder Fremdheit (und die Überschätzung von Zuschreibungseffekten) zu kaschieren.

Vollends verlogen, grotesk und zynisch mutet auch der im Zusammenhang mit Klonen und mehr noch der positiven Selektion von Eigenschaften beschworene Determinismus, der angeblich das höchste Gut des Menschen, seine Freiheit, bedroht. Verlogen dort, wo verschwiegen wird, daß die evolutionär gewachsenen Ausstattungen sich in hohem Maße flexibel gegenüber den Zumutungen der Ontogenese erweisen, während im Gegenzug institutionelle Abrichtungen die Individuen mit der Gewalt und der Unausweichlichkeit von Stoffwechselprozessen konditionieren. Grotesk, wenn theologische Eiferer den Plan betreten, die sich plötzlich für etwas engagieren, was von ihrer Kirche spätestens seit Augustinus im Namen der Prädestinationslehre und ihres verordneten Fatalismus bis heute geleugnet wird.

Zynisch aber muß die apotropäische Berufung auf den freien Willen schließlich in den Ohren all jener klingen, die von den "riskanten Freiheiten" (Beck) der "Multioptionsgesellschaft" (Gross) mangels C4-Gehalt lebenslänglich allenfalls träumen können. Während ökonomische Zwänge die Freiräume der überwältig-enden Mehrheit der Individuen immer enger schnüren, nährt die intellektuelle Klasse das Phantasma eines humangenetisch induzierten Determinismus. Das Reizwort heißt Selektion. Nun ist es eine Tatsache, daß es überall in unserer Gesellschaft, ob auf dem Beziehungsmarkt, in Gremien, Kommissionen und Jurien, auf dem Arbeitsamt, beim Personalchef und erst recht in Redaktionen unentwegt um nichts anderes geht als um - Selektion. Fragwürdig sind die Kriterien überall, in der Gentechnik wie allgemein in der Naturwissenschaft sind sie wenigstens transparent und somit diskussionsfähig; nur der Kulturbetrieb, der immerhin das Selbstverständnis einer Gesellschaft auch in ethischen Grundsatzfragen produziert, weigert sich, über Selektion zu reden, um nicht die heillose Relativierung der eigenen Auslesemechanismen im Zeichen von Postmoderne und Dekonstruktivismus thematisieren zu müssen. Dieselbe Instanz wohlgemerkt, die öffentliche Auseinandersetzungen strikt nach dem Statusprinzip besetzt und damit nichts anderes als sozialdarwinistische Zuchtwahl zur Optimierung von Aufmerksamkeitseffekten ohne Qualitätsprüfung betreibt. Die Gewinner dieser Selektionsprozesse sollten sich daher vor der Auschwitz-Rüge hüten, sie könnte sich als Bumerang erweisen: das böse Wort Heiner Müllers, an der berüchtigten Rampe werde das höllische Funktionsmodell des Kapitalismus schlechthin kenntlich, schwebt - je länger, desto dräuender - wie ein Menetekel über die Arena unausgetragener Kulturkämpfe.

Doch auch im Kontext biologischer Selektion führt die Beanspruchung des freien Willens nur zu infiniten Begründungsregressen. Bekanntlich beginnt die Merkmalsplanung bereits mit der höchst exklusiven Partnerwahl; doch selbst wenn in naher Zukunft einer unter zigtausend Neuankömmlingen durch Eingriffe in die Keimbahn mit einem höheren Plansoll zur Welt käme als die meisten anderen: die entscheidende Option - ob jemand nämlich überhaupt zur Welt kommen will oder nicht - wird auch künftig niemandem freistehen. Fundamentalisten der individuellen Selbstverfügung müßten konsequenterweise daran, daß der Mensch ungefragt zur Welt kommt, irre werden - und schweigen. Das weitere Argument, human engineering arbeite an der Ausschaltung des Zufalls, ist einfach absurd, wenn man bedenkt, wie dieser bereits durch den elterlichen Willen zum Kind und durch die mit der Kombination der Erbanlagen einhergehende Begrenzung des Merkmalsspektrums eingeschränkt wird. Darüberhinaus kann niemand behaupten, es würden gezielt programmierte Eigenschaften weniger mit der Umwelt interagieren oder seien ihre Träger weniger den Wechselfällen des Daseins ausgeliefert als "blind" Gezeugte unter vergleichbaren biographischen Bedingungen. Soviel sollte nach dem Gesagten deutlich geworden sein: man kann nicht die Grundpfeiler der Menschenwürde - Freiheit und Gleichheit - gegen ihre unzu-länglichen empirischen Entfaltungsmöglichkeiten verteidigen, ohne sie der geltungslogischen Erosion preiszugeben. Umgekehrt heißt dies: Nietzsches Satz vom Menschen als dem nicht festgestellten Tier gilt uneingeschränkt und unwiderruflich und kann insofern auch durch die Biokybernetik nicht außer Kraft gesetzt werden. Entweder diese funktioniert ohnehin nicht, wie die Gentechniker es sich vorstellen; oder sie funktioniert, trägt aber zur Fixierung dieser hypernervösen und dabei angeblich doch so plastischen Spezies so verschwindend wenig bei, daß man sie - im Gegensatz etwa zu den sozioökonomischen Determinierungen - getrost vernachlässigen kann.

II Jenseits des Vertretbaren

Mit dieser rigorosen Anwendung der - per se vermutlich konsensfähigen - Minimaldefinition vom Menschen als infixiblem Wesen ist nunmehr die Demarkationslinie erreicht, die das Getöse einer Stellvertreterdebatte von der Erörterung des bioethischen Grundproblems trennt. In ihrem Zentrum muß ein Begriff stehen, der nicht zufällig bislang ausgespart wurde und dennoch unverzichtbar ist: das Unverfügbare.

Eine Annäherung an diese Kategorie stockt noch bevor sie recht in Gang gekommen ist: wie soll vom Unverfügbaren die Rede sein, ohne mit jeder Bestimmung bereits sprachlich über es zu verfügen? Überlegungen, die den Aporien mystischer oder negativ theologischer Unsagbarkeitsverdikte entgehen wollen, dürfen hier nicht (wie Heidegger oder Adorno) auf die apophatische Sprache der Dichtung setzen, um dem Unverfügbaren zu entsprechen; sie können sich schlecht auf das nicht Repräsentierbare beziehen, wenn sie für den Übergang vom operativen Handeln zu einem intransitiven Sich-Verhalten eine Vorstellung von jenem Sein vermitteln möchten, das künftig sein gelassen werden soll und warum. Aber sie können durch die Scheu, positiv vorauszusetzen, wovon die Rede sein soll, das Dilemma vorübergehend und mit gutem Gewissen ausklammern. Die Dimension, um die es hier geht, läßt sich auch nicht durch die Errichtung eines Kanons von Verboten definieren. Das Unverfügbare auf eine Tabuzone zu beschränken, die zwar nicht angetastet werden darf, gleichwohl aber prinzipiell verletzt werden könnte, wäre abermals eine kulturalistische Überschätzung menschlicher Verfügungshoheit.

Damit zeichnet sich bereits ab, daß ein Codex der Nichteinmischung oder des Seinlassens künftig weder auf unwägbare pragmatische Kasuistik noch auf fragwürdige theologische Autorität gestützt werden kann. Wie hoch die Hemm-schwellen im Umgang mit dem Unverfügbaren angelegt werden müssen, wird - zumindest in monotheistischen Kulturkreisen - davon abhängen, ob es homo sapiens gelingt, sich von seinem kreationistischen Selbstmißverständnis zu befreien. Daß die Natur eine Schöpfung sei, ist ein mentalitätsgeschichtlicher Sprengsatz, der immer noch seiner Entschärfung harrt. Denn wo es Schöpfung gibt, gibt es Schöpfer, also Macher; wo es Macher gibt, wird alle Materie zum Material vergegenständlicht, die Trennung von verfügendem Subjekt und verfügtem Substrat vollzogen, ganz gleich ob der Produzent als Autor auftritt, der die Welt aus Sprache entstehen läßt, oder ob er als Demiurg das Leben aus Grundelementen (Erde, Wasser, Luft) formt. Nur, weil es einen Jahrtausende währenden auktorial- demiurgischen Diskurs gibt, konnte so etwas wie die künstliche Schaffung von Menschen überhaupt projektiert werden.

Die Vorstellung von der Machbarkeit des Lebendigen und insbesondere des Menschen durch einen menschenähnlichen Gott steht am Beginn einer biotech-nologischen Kultur, die seither einen beträchtlichen Teil ihrer analytischen und gestalterischen Energien darin investieren hat, das Know-how zur Realisierung dieser primordialen Obsession zu erringen. Die kriegerische Spirale einander ausschließender, ablösender oder überbietender Entwürfe war insofern pro-grammiert: was gemacht wird, ist auch wert, zerstört zu werden - man kann es ja besser machen. Eine Ethik des Unverfügbaren setzt demnach die Überwindung monotheistisch verfaßter Subjektivität und ihrer imperialen Metaphorik voraus. [1]

Es wird dabei nicht ausbleiben, daß mit der Abwendung vom Leitbild des jenachdem auktorialen oder demiurgischen Macher-Typus der Humanismus als zentrale Legitimationsinstanz für das Projekt der Weltbemächtigung seine Existenzberechtigung verlieren wird. Begreift man diesen Prozeß als "ptolemäische Abrüstung"[2] einer nihilistischen Hypothek unserer Mainstream-Überlieferung, so erübrigt sich der konservative Reflex, sogleich den Zerfall abendländischer Werte herbeizuzetern.

Für den vom Schöpfungsgedanken pervertierten Sachverhalt bietet sich nach wie vor der Begriff der Natur an als das dem Wortsinn nach Entstandene, Geborenene und Gewachsene, also gerade nicht Gemachte. In der Anerkennung einer Transzendenz des Ungeschaffenen liegt die doppelte Chance erstens einer Relativierung des totalen Simulationsverdachts des Konstruktivismus, der sich als erkenntnistheoretisches Credo auch der Humanwissenschaften durchzusetzen beginnt; und zweitens einer wiederum religiösen aber radikal nachtheologischen Figur des Unverfügbaren als einer heteronomen Bestimmung der Humanitas selbst. Wann immer Natur den Menschen anrührt oder erschauern läßt, tut sie dies kraft der Dignität des Nichtgemachten, einer irreduziblen Unbekanntheit und Fremdheit, die in all ihren Faszinationsgraden - Trost und Schrecken, Kontemplation und Überlebenskampf - erst die Objektivierung jener Selbstfremdheit ermöglicht, die seit Beginn der Menschwerdung stets ins Monströse und Unheimliche und in offene Bestialität auszuschlagen droht. Je mehr aber die Fremdheit des Nichtmenschlichen am Menschen und seiner Biosphäre reduziert wird, desto größer wird seine Selbstfremdheit.

Diesen für jede Geistes-Gegenwart angesichts des real Unfaßbaren konstitutiven Nexus zugunsten wohlfeiler Schreckensvisionen einer hypothetischen Zukunft auszublenden, ist die vielleicht ärgerlichste Nebenwirkung kulturalistischer Dämonisierungsstrategien. Öffentlichkeitswirksame Spekulationen über mögliche Veränderungen des Menschenbildes aufgrund eugenischer Manipulationen verdecken, ja verdrängen die ungleich bedeutsameren Transformationen in actu, allen voran die Deregulierung der Geschlechterrollen. Daß die Frau in den aufgeklärten Hochkulturen aufhört, das Fremde, Andere der Zivilisation zu sein und zu repräsentieren, eröffnet dem Naturverhältnis einer Gattung, die - zumindest im indoeuropäischen Sprachenkreis - Mann und Mensch nicht nur etymologisch gleichgesetzt hat, durchaus ambivalente Perspektiven: sie reichen von einer gefährlichen Zunahme an referenzloser Selbstbezüglichkeit bis zur Chance eines Paradigmenwechsels im Selbstverständnis von Kunst, Wissenschaft und Technik, deren Produktivität nicht erst seit feministischer Kritik im Verdacht steht, weibliche Gebärmacht zu usurpieren.

Symptomatisch für die wachsende Hilflosigkeit gegenüber einer weder symbo-lisch noch imaginär besetzbaren Fremdheit (des Körpers, der Endlichkeit, des Todes) ist das regressive Pochen auf Allgemeinverständlichkeit, mit dem sich heute selbst Lyriker und Philosophen konfrontiert sehen. Man mag darin die ersten Auswirkungen der massenmedialen Verblödung sehen, die Sloterdijk zufolge eine neue Ära in der Bestialisierung des Menschen ankündigt. Doch der Terror der Vermittlung exekutiert letztlich nur das Bildungsprogramm des Humanismus, in dem so etwas wie unverständliche Texte ebensowenig vorgesehen sind wie unzugängliche Naturphänomene. Der Mensch, der zugibt, nur verstehen zu können, was er selbst gemacht hat, und der zugleich sich weigert, Grenzen des Verstehens zu akzeptieren, reduziert auch alles Nichtmenschliche auf ein Als-ob- Machwerk seines endlichen Maßstabs. Dabei wird ihm nur am Unverstandenen und in gewissem Sinn Unverstehbaren die Erkenntnis zuteil, "daß er vom Inhumanen bewohnt wird"[3] (Lyotard). Nicht zufällig sind die großen Kunstwerke, die solche Erfahrung ästhetisch einüben - es sind zugleich jene, die sich jeder hermeneutischen Verfügung entziehen -, synchron zu den szientifischen und technopolitischen Entzauberungen der Moderne entstanden.

Daß der Mensch aus der Natur herausgefallen ist und sich keinen Hoffnungen hingeben darf - mit dem späten Heidegger zu reden - die Fuge des Seins durch vermittelnde Gestelle zu schließen, ist eine abgründige Erfahrung, die ihm an der inkommensurablen Fremdheit des Nichtmenschlichen zuteil wird. Insofern ihre Unbestimmtheit das Wesen des Humanum selbst offenhält, reicht sie ethisch weiter als jeder aus freiem Willen gefällte Entschluß, den sie vielmehr allererst begründet. Die Identifizierung des Unverfügbaren mit dem Ungeschaffenen, das die Ordnung menschlichen Wissens transzendiert, bedeutet, heuristisch gewendet, daß jeder Eingriff ins phylogenetische Erbe an die Grenzen einer nichtmenschlichen, ihrer Geschichte und Struktur nach Jahrmilliarden alten biophysikalischen Evidenz stößt. Diese fügt sich nur bedingt menschlichem Hantieren, dessen Gelingen daran gebunden bleibt, daß er ihre Bedingungen respektiert, ob er sie erkannt hat oder nicht; verfehlt er sie, wird er Monster erzeugen. Die Regeln für den Menschenpark jedenfalls wird eine höhere Instanz diktieren, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht.


[1] Zur fixen Idee einer technisch steigerungsfähigen Natur hat der Humanismus nicht zuletzt durch den Topos vom Buch der Natur beigetragen, das man nur lesen lernen müsse, um die Schöpfung zu verstehen. Er mag an der Entdeckung der Aminosäurensequenz unschuldig sein, aber seiner ungebrochenen Suggestionsmacht ist es zu verdanken, daß Gentechniker sich im Glauben wähnen, Textpassagen umzuschreiben, wenn sie in die Eigendynamik der Evolution pfuschen. [Zurück]

[2] Vgl. Peter Sloterdijk, Kopernikanische Mobilmachung und ptolemäische Abrüstung. Ffm. 1987 [Zurück]

[3] Jean-Francois Lyotard, Vorwort zu Das Inhumane, Wien 1989. [Zurück]

Gekürzte Fassung in der FR vom 16.10.1999