Daniele Dell'Agli : Essays : Kulturkritik


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Schläft ein Krieg in allen Köpfen...

Über den Wahnsinn in den Grenzen der Religion

Es ist noch nicht lange her, da die Metapher vom "Krieg gegen die Natur" aus den Konventikeln des ökologischen Pessimismus ins aufgeklärte Bewußtsein der Spätmoderne sickerte und erst wieder anläßlich des BSE-Skandals ihre Berechtigung unter Beweis stellte. Ebenso haben wir uns daran gewöhnt, von Rauchern zu sagen, daß sie "Krieg gegen ihren Körper" führen, desgleichen Trinker, gedopte Leistungssportler etc., wobei stillschweigend unterstellt wird, daß den feindseligen und (selbst)zerstörerischen Handlungen der Akteure unbewußte Motive zugrunde liegen. Was man heute am "westlichen" Lebensstil beklagen kann - enthemmte Leistungssteigerung und Ressourcenverschwendung, verselbständigte Gewinnsucht und sinnentleerter Materialismus -, ist die späte, hedonistische Variante jenes Kriegs gegen die Natur und insbesondere gegen den Körper, die Sinnlichkeit und die Sexualität, mit dem alle Religionen, am entschlossensten jedoch die monotheistischen, ihren Siegeszug durch die Köpfe der Menschen besiegelt haben. Überwindung der physischen Gebundenheit allen Daseins, Verachtung der "niederen" triebhaften Begierden als Vorbereitung auf ein erlöstes Leben im Jenseits: das war und ist die Antwort, die einzige Antwort der Religionen auf die Sterblichkeit des Menschen. Eine Antwort, die mit ihrer letztlich enttäuschenden - und so die Nachfrage ihrer Klientel perpetuierenden - Heilsbotschaft zwei ebenso geschichtsmächtige wie verhängnisvolle Programme zur Disziplinierung der Gattung in die Welt gesetzt hat, deren Zerstörungspotential immer noch nicht ausgereizt zu sein scheint. Zum einen ist die Reduktion leiblicher Bedürftigkeit bis zur Ausschaltung des Selbsterhaltungstriebs unerläßliche Bedingung jener autosuggestiven Selbststeigerung fanatisierter Bewußtseine, die mit dem furchtbaren Slogan, daß dem Gläubigen alles möglich sei (Mk. 9,23) bzw. daß der Glaube Berge - oder eben Türme - zu versetzen vermag (Mt. 17,20), Ernst machen. Und da zum anderen die Zumutung einer endlichen Existenz mit der Geburt beginnt, geht der Todeskult der Religionen einher mit einer Verdrängung der Geburtlichkeit und aller geschlechtlichen Bedürfnisse, die an das Unreine und Unvollkommene, das Peinliche und Verführbare irdischen Lebens erinnern, wofür alle Religionsstifter die Frau verantwortlich gemacht haben. Das Patriarchat ist vor allem - nicht nur - die weltliche Verfassung der religiös befohlenen Kontrolle von und das heißt des Kampfes gegen Sexualität allgemein und Weiblichkeit insbesondere.

Seit jeher führen Männer - mit stiller Duldung oder tätiger Komplizenschaft der Frauen - im Namen "heiliger Gebote" Krieg gegen sich selbst und gegen die Frauen, ein Krieg, der immer wieder gegen äußere Feinde gerichtet werden muß, um das Sinnwidrige der religiösen Überich- Forderungen umzudeuten, ihre zerstörerische Dynamik auf andere projizieren und den unerträglichen Frust ventilieren zu können. Je lebensfeidlicher ein Glaubenssystem, desto unausweichlicher seine bellizistische Fixierung auf die von ihm Ausgeschlossenen, ohne die es unweigerlich implodieren würde. Das gilt für Individuen ebenso wie für Gesellschaften: so ist das Feindbild USA, Kapitalismus, Moderne, westliche Lebensart essentiell für die Identität des muslimischen Subjekts nicht weniger wie für den Zusammenhalt der untereinander zerstrittenen islamischen Gemeinden und Ethnien: es ist das einzige, was sie noch eint und vor der Selbstzerfleischung bewahrt.

In Europa bedurfte es etlicher Jahrhunderte humanistischer und wissenschaftlicher Aufklärung, des Schocks angesichts von Shoah und zweitem Weltkrieg sowie der Erschöpfung glaubwürdiger und kulturell kompatibler Sinnangebote der christlichen Religionen, um einen Prozeß der psychohistorischen Entblödung, positiv gewendet der Sensibilisierung für die Sinnhaftigkeit diesseitiger Perspektiven einzuleiten. Kaum hat sich das Abendland von der Angstpolitik des Christentums emanzipiert, von permanenter Genußvereitelung durch Strafandrohung, archaischem Patriarchalismus, protestantischem Enthaltsamkeitskodex und apokalyptischem Jenseitsbezug, da dringt das Überwundene in Gestalt fundamentalistischer Heilslehren, Rechtsauffassungen und Lebensformen durch die Hintertür der Einwanderungspolitik wieder in die offene Gesellschaft ein und zwingt ihr Auseinandersetzungen von vorgestern auf, die angesichts der drängenden Probleme des 21. Jahrhunderts zur epochalen Regression aufrufen.

Besonders Intellektuelle zeigen sich angesichts dieser Herausforderung zur Identifikation mit dem Angreifer bereit und werden nicht müde, die Berechtigung einer angeblichen "Rückkehr der Religionen" (Riesebrodt) zu betonen, wo doch zumindest für Europa - ein paar Sekten ausgenommen - lediglich das Fortdauern eines nicht säkularisierbaren Bedürfnisses nach Transzendenz konstatiert werden kann, dessen kulturelle Übertragungen erst vor wenigen Generationen begonnen haben, irreversibel zu werden. Die migrationsbedingte Konfrontation mit dem Islam wiederum berührt die endogene Sinnkrise des Westens nur insofern, als sie sich eignet, der religiösen Nostalgie das wahre Gesicht ihres Sehnsuchtsobjekts in Gestalt eines Revenants zu offenbaren.

Schon die gebetsmühlenartige Beteuerung vom "Mißbrauch" der Religion verläßt den Horizont des aufgeklärten Bewußtseins, impliziert sie doch die Vorstellung einer Religion an sich, die unabhängig von den Interpretationen und den praktischen Setzungen der sie tragenden Bewußtseine existierte. Vollends unverständlich wird sie angesichts der überwältigenden Fülle an "heiligen" Texten, die dokumentieren, daß fundamentalistische Gesinnung - eine psychotische Mischung aus Sendungsbewußtsein, Allmachtsphantasien und manichäischem Weltbild - integraler Bestandteil aller Religionen, insbesondere aber der monotheistischen ist und keineswegs ein später Reflex auf den Verlust ihrer Autorität in der Moderne. Die Berufung auf ein unfehlbares Wissen und eine für seine Wahrheit bürgende absolute Instanz nährte seit jeher den Willen ungezählter Eiferer, im Namen einer Idee oder eines Gesetzes stellvertretend für andere zu agieren, sie zu bekehren - d.h. ihre geistige Identität gewaltsam umzuprägen - oder im Falle ihrer Konversionsresistenz zu vernichten.

Für den Islam bedeutet dies, daß alles, was heute als fundamentalistische Abirrung von der wahren Lehre bagatellisiert wird, im Koran vorgesehen ist: Frauendiskriminierung, Sklaverei, Antisemitismus, Religionskrieg, Mißachtung der Menschenrechte, allen voran der Freiheitsrechte und des Rechts an leiblicher Unversehrtheit. Da es Gott ist, der dem Menschen Menschenrechte und -würde verliehen hat, ist der Gottlose automatisch von ihnen ausgeschlossen und per definitionem kein Mensch; insofern Gott aber auch alle das Zusammenleben der Gläubigen regelnden Gesetze erlassen hat, werden Übertretungen als Zeichen mangelnder Frömmigkeit drakonisch bestraft. Die immer wieder bemühte "Vielfalt" des Islam reduziert sich vor dem Hintergrund der Berichte von Amnesty International als nicht zu überbietende Variationsbreite an Menschenrechtsverletzungen in ausnahmslos allen islamisch regierten oder mehrheitlich von Muslimen bewohnten Staaten und Regionen der Welt. In diesem Panoptikum religiös induzierten Grauens bildet der Terrorismus lediglich die Rauchwolke über dem Vulkan, die der Westen nicht mehr ignorieren kann, auch wenn er ihm beflissen rationale Motive wie Armut, Ungerechtigkeit, Unterdrückung etc. zu unterstellen sucht. Die islamistischen Wortführer selbst reden getreu ihrem Wahnsystem nur von Rache, Verschwörung und Kampf gegen den Satan.

Diese Paranoia begegnet einem auf fast jeder Seite des Korans: unablässig muß die islamische Lebensführung gegen die "Ungläubigen" verteidigt werden, die offenbar ständig "auf Allahs Weg" lauern, das fromme Trachten der Muslime zu vereiteln. Von Anbeginn fühlten sich diese von Heiden umzingelt, denen darum in jedem zweiten Absatz der Fluch Gottes, in jedem dritten der Kampf der Rechtschaffenen gilt. Wir haben es hier mit einem klassischen Projektionsmechanismus zu tun: zum einen bedrohen uns die anderen, weil sie uns daran hindern, Allahs Reich auf der ganzen Welt zu etablieren; jeder, der nicht für uns ist, ist ein Agressor und gehört bekämpft, getötet oder versklavt ("Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt; dann schnüret die Bande." 47, 4). Der angeblich defensive Charakter des Dschihad ist nichts als wishful thinking westlicher Interpreten, denn für Muslime liegt der casus belli schon durch das bloße Vorhandensein der anderen Kultur vor: diese hört nicht auf, die Gläubigen vom rechten weg abzulenken, solange sie existiert ("und Verführung ist schlimmer als Totschlag" 2, 212). Zum anderen verkörpern die Heiden all das, was Muslime in sich selbst verdrängen müssen, um gottgefällig zu leben; die Versuchung der Ungläubigen ist darum allgegenwärtig, weil sie aus dem Inneren, dem mühsam gebändigten Trieb und seinen idolatrischen und polytheistischen Neigungen rührt! Die Urszene des Islam, die gewaltsame Entmachtung der altarabischen weiblichen Gottheiten (al-Lat, die Sonnengöttin; al-Manat die Schicksalsgöttin; al-Uzza, die Starke) durch den Mund des Propheten, wiederholt in effigie jeder Koranschüler, um die unumschränkte Autorität Allahs zu besiegeln. Salman Rushdie, dessen Satanischen Verse es zum ersten Mal in der islamischen Tradition wagen, den patriarchalen Putsch ironisch zu suspendieren, wurde dafür vom iranischen Fascho-Mullah prompt zum Tode verurteilt. Das Höllenfeuer, das Allah den Ungläubigen fortwährend im Koran bereitet (das Register der Reclam-Ausgabe zählt über 300 Stellen auf!), gilt daher immer auch den glaubensresistenten irdisch-sinnlichen Begierden des "wilden", der triebfreundlichen Idolatrie geneigten Arabers. Darum müssen ausnahmslos alle Lebensvollzüge starr und autoritär reglementiert und mit der Androhung von Strafen bei Zuwiderhandlung eingepeitscht werden. Den Mechanismus hat Theodor Reik in einem zu Unrecht vergessenen Standardwerk zum Fundamentalismus (Der eigene und der fremde Gott) genau analysiert: Je repressiver das Glaubenssystem das Innenleben seiner Anhänger konditioniert, desto mörderischer ihr Ressentiment auf alle, die ausleben dürfen, was sie sich versagen. ("Tötet die Heiden, wo ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie, lauert ihnen auf." 9,5) Das ist der Kern des Dschihad, eines immerwährenden kriegerischen Zustands, der insofern identisch ist mit der Verfassung islamischer (auf deutsch: dem Willen Allahs unterworfener) Subjekte schlechthin. So erneuert das Dogma mit jedem Koranunterricht den Affekt zu seiner Verteidigung: ewige Unterwerfung, ewiger Selbsthaß, ewiger Krieg. Wozu der Prophet nicht imstande war, das soll auch keinem seiner Anhänger vergönnt sein: die pluralen und zwangsläufig heterogenen Erscheinungsformen koexistierender Lebens- und Glaubensentwürfe synkretistisch anzuverwandeln und in den Dienst der Lebensbejahung zu stellen, statt sie totalitär zu verwerfen und zu verfolgen.

Hier gilt es, mit einer weiteren Appeasement-Legende aufzuräumen: der Islam war nicht nur den Heiden gegenüber niemals tolerant, der Koran hetzt auch wiederholt gegen Juden (man nehme nur die Aufforderung in 4,50, ihnen "ihre Gesichter auszuwischen und ihren Hinterteilen gleichzumachen"), während Christen durchgehend als Anhänger einer unvollkommenen Ausprägung des Islam verunglimpft werden, die nur der Dreifaltigkeit und dem Kreuzestod Jesu abzuschwören brauchten, um in die muslimische Gemeinde aufgenommen zu werden. Die vielgepriesene Duldung der "verirrten" Abkömmlinge Abrahams im Mittelalter war nichts als ein (mit Kopfsteuer und Stigmatisierung erkaufter) Gnadenerweis gegenüber den Unterjochten aus der Position der Stärke heraus. Toleranz, die diesen Namen verdient, muß sich jedoch im Dialog mit ebenbürtigen Anderen bewähren, eine Spezies, die in der Vorstellungswelt von Muslimen nicht vorkommt, zumal die Bewohner des Okzidents in ihren Augen ohnehin auf die Stufe der ebenso gefürchteten wie gehaßten Götzendiener herabgesunken sind. Und für sie "haben wir Ketten, eiserne Nackenfesseln und flammende Feuer bereit" (76,5)

Doch auch intern findet eine Konstitution von Andersheit im Islam nicht statt, wie sie sich traditionell um die Repräsentanz der Frau in den Hochkulturen kristallisiert. Angesichts der Schreckensnachrichten über das Schicksal von Frauen in Afghanistan mutet es als das größte Glaubwürdigkeitsdefizit feministischer Theorie, insbesondere der sogenannten Geschlechterforschung an, daß sie in den letzten beiden Jahrzehnten alle Energien darauf verwendet hat, Weiblichkeit als Produkt männlich dominierter Zuschreibungen und Konstruktionen zu analysieren, um sich auf diese Weise von jeder Komplizenschaft an den Greueln der Weltgeschichte freizusprechen. So steht sie heute stumm und unbedarft vor dem ebenso schauerlichen wie rätselhaften Tatbestand, daß dieselben Männer, die einst von Frauen geboren und gesäugt, gefüttert, gestreichelt und gesäubert wurden und die ersten und entscheidenden Jahre ihres Lebens - die Väter waren bekanntlich mit Kriegführen beschäftigt - ausschließlich unter der Obhut dieser Frauen aufwuchsen, daß eben diese Söhne ihrer Mütter einmal erwachsen einen mörderischen Feldzug gegen alles Weibliche führen. Dabei exekutiert die Knebelungs-, Verstümmelungs- und Hinrichtungswut der Taliban - der militantesten Schwarzgnostiker der Weltgeschichte - nur bis zur letzten Konsequenz, was im Islam (deutlicher als in allen anderen Religionen) angelegt ist und auf unterschiedlichem Repressionsniveau in allen Ländern mit mehrheilich moslemischer Bevölkerung praktiziert wird. Das Prinzip - die Verfemung des weiblichen Körpers, der Haß auf seine Triebmacht und die Verbannung weiblicher Präsenz aus dem öffentlichen Leben - ist überall dasselbe; die Unterschiede lediglich gradueller Natur. Man muß nicht erst den Terror im Iran und Algerien oder die Sklaventreiberregime in Yemen und Sudan bemühen. Noch auf europäischem Boden, auf deutschem zumal werden tagtäglich Mädchen in islamischen Familien beschnitten, geknechtet, weggesperrt, zugenäht und zwangsverheiratet - Tatbestände der Nötigung und Körperverletzung, des Kindesmißbrauchs und Sklavenhandels, die unzählige moslemische Väter (und Mütter) hinter Gitter hätten bringen müssen, würden wir es mit unserer vielgepriesenen Verfassung Ernst meinen. Erst beim "Ehrenmord" schreitet hierzulande die Staatsanwaltschaft ein, um immer wieder das völlige Fehlen eines Unrechtsbewußtseins bei Männern festzustellen, die schon auf den bloßen Verdacht einer Ehrverletzung hin Frauen, Schwestern oder Töchter hinrichten.

Menschenrechtsverletzungen sind für Muslime, die ihren Lebenswandel nach der Scharia ausrichten, geradezu Pflicht, da für sie das "Gottesgesetz" allemal über menschliche Rechtssetzungen rangiert. Multikulturalistische Toleranz war und ist daher in praxi auch ein Synonym für die Duldung von Verbrechen, die im Namen der "andersartigen" Kultur und obendrein am offenkundig wertlosen Objekt Frau begangen werden. Und wieder sind es maßgeblich Frauen, die sich für diese Appeasement-Politik engagieren; und wieder hören wir allenthalben Musliminnen in nicht zu überbietendem Masochismus das System zu ihrer Unterdrückung rechtfertigen. Und die sonst jeden männlichen Blick auf dem Campus sogleich als sexuelle Belästigung anprangernden Gender-Forscherinnen schweigen dazu. Sie ziehen es vor, für das Erziehungsrecht homosexueller Paare zu demonstrieren, statt die Ausweisung aller Muslime zu fordern, die die offizielle Einführung der verfassungsfeindlichen Scharia in Deutschland befürworten.

Warum eine Schrift, die wie der Koran hundertfach den Tatbestand der Volksverhetzung und der Anstiftung zum Mord erfüllt (von der Geschlechterdiskriminierung in der 4. Sure ganz zu schweigen), nicht längst auf dem Index verbotener Bücher steht, ist schwer zu begreifen. Kulturrelativisten werden einwenden, daß dann Ähnliches auch für die Bibel gelten müßte, doch diese ist weder redaktionell noch ideologisch als monolithischer Korpus konzipiert wie der Koran, der sich im wesentlichen auf Vorschriften (Gebote und Verbote), Warnungen (Strafandrohungen), Gebete (Lobpreisungen Allahs) und Flüche (auf die Heiden) zusammensetzt. Die vergleichsweise dürftige Verkleidung seiner Botschaften in Geschichten oder Gleichnissen läßt im Gegensatz zu seinem Vorbild, der Bibel, kaum Interpretationsspielraum zu, wodurch der Weg vom Sinnspruch zur Handlungsanweisung sich gefährlich verkürzt. Auch hat Augustinus, der neben der Erbsünde auch die Ideen eines Gottesstaates und des "gerechten Kriegs" über zwei Jahrhunderte vor Mohammed in die Welt brachte, niemals die unfehlbare Autorität eines Propheten oder Gesandten Gottes genossen.

Der Westen entschuldigt sich permanent für Kolonialismus, Imperialismus, Rassismus usw.: wann hätte der Islam sich je dafür entschuldigt, daß er die arabische Halbinsel verlassen, halb Afrika und große Teile Asiens erobert hat und über Spanien und den Balkan auch Europa heimsuchen wollte? Im Gegenteil: bis heute wird den Europäern nicht verziehen, daß sie die sarazenischen Horden wieder in den Orient zurückgetrieben haben. Und es fehlt nicht viel, daß sich die Europäer auch noch dafür entschuldigen. Doch der Verweis auf Kreuzzüge, Inquisition und die endlose Kette der Verbrechen militanter Christen bis hin zu den spätimperialistischen Exzessen der 60er Jahre taugt nicht nur nicht für Relativierung oder kleinlaute Zurückhaltung, sondern verpflichtet im Gegenteil zu einer schonungslosen Kritik an einer Kultur, die finster entschlossen scheint, die Fehler der christlichen mit den Waffen und den Menschenmassen des 21. Jahrhunderts zu wiederholen.

Zu den Relativierungsformeln, die der Westen sich von der orientalistischen Propaganda hat vorgeben lassen, gehört auch die Mär von der historischen Mitschuld: schließlich seien die Folgen des Kolonialismus für die soziale Ungerechtigkeit und jene historischen Demütigungen verantwortlich, die dem Islamismus als Ferment dienen. Dabei gehören die Golfstaaten zu den reichsten der Erde, und daß sie ihren Reichtum oligarchisch horten (Saudi- Arabien) oder militärisch verprassen (Iraq), ist doch zunächst einmal hausgemachte Despotie. Wo Islamisten an die Regierung kamen, haben sie die Wirtschaft erstmal ruiniert (Iran), die Infrastruktur zerstört (Afghanistan) und eine expansive Bevölkerungspolitik verfolgt, in der Hoffnung, die Feinde Allahs allein schon zahlenmäßig zu erdrücken (Palästina, Iran, Pakistan, Bangladesch, Indonesien). "Demütigend" ist der desolate Zustand islamischer Gesellschaften lediglich im Verhältnis zu dem nie aufgegebenen Anspruch, die ganze Welt dem Willen Allahs untertan zu machen. Gemessen an ihrem Missionsauftrag haben die Gotteskrieger in der Tat versagt: dafür, daß er ihnen die Alleinherrschaft vereitelt hat, soll der Westen sich entschuldigen? Die Apostaten des Vernunftglaubens sollten endlich begreifen, daß nicht Huntington, sondern die Muslime den Krieg der Kulturen erklärt haben, und zwar schon vor anderthalb Jahrtausenden. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Einen friedfertigen Islam kann es zumindest auf der Basis einer Kampf- und Schmähschrift nicht geben.

Angesichts dieser deprimierenden Befunde stellt sich die Frage dringender denn je, wie lange der Kulturrelativismus, der die Toleranz zu seinem höchsten Gebot erhoben hat, vor der Intoleranz des religiösen Absolutismus zurückweichen und seine eigenen Grundlagen aushöhlen will. Man kann nicht die Gleichrangigkeit der Kulturen propagieren, ohne die Werte zu desavouieren, für die man selbst eintritt (was in der islamischen Welt konsequent als Schwäche und Feigheit ausgelegt wird). Immer wieder wird angemerkt, daß der Islam keine Trennung von Religion und Politik - von der die Demokratiefähigkeit dieses Kulturkreises ebenso abhängt wie die Übernahme einer universalistischen Ethik der Menschenrechte - vollzogen habe, weil er weder eine Reformation noch ein Zeitalter der Aufklärung gekannt hat. Doch eine vergleichbare historische Konstellation wird sich schon deshalb nie einstellen, weil es eine Verfälschung der ursprünglichen Botschaft des Propheten - des "Gottesdiktats" -, die unter Rückgriff auf die Quellentexte lediglich neu verkündet zu werden brauchte, nicht gibt und auch nicht geben wird, es sei denn in dem Sinn, den fundamentalistische "Reformatoren" à la Khomeini dieser "Erneuerung" gegeben haben. Entscheidender sind allerdings die kategorialen Unterschiede zwischen Islam und Christentum, die jede Hoffnung auf historische Nachahmung zunichte machen. Angefangen mit dem Neuen Testament, also der Menschwerdung Gottes zum Beweis der Gottesebenbildlichkeit des Menschen - eine für den Islam undenkbare Konzeption, die doch Voraussetzung für die Säkularisierung von Weltaneignungsmodellen spätestens seit der Renaissance gewesen ist - bis zur Integration heidnischer, also polytheistischer Motive im Marienkult, die der Islam nur stur zu bekämpfen weiß. Doch bereits der Gott des Alten Testaments ist bei aller Grausamkeit ein seinen Gläubigen dialogisch zugewandter, in sich widersprüchlicher und bei allem Bilderverbot menschenähnlicher. Eine Reform des Islam müßte mit der Anthropomorphisierung Allahs, der unmenschlichsten und abstraktesten Gottesimago beginnen - eine ebenfalls unvorstellbare Häresie, wie die Reaktionen auf Salman Rushdie belegen. Darüberhinaus hieße es, die Entstehung der europäischen Zivilisation um die notwendigen Korrektive des Monotheismus verkürzen, wollte man den Anteil der griechisch-römischen Antike unterschlagen. Was der Exodus für die Idee der Freiheit und der ethnischen Selbstbestimmung, ist die vielgestaltige griechische Mythologie für die Entstehung eines autonomen, mit Göttern und Naturgewalten listig verhandelnden Ichs gewesen. Neben der politischen Einübung in erste demokratische Organisationsformen und der philosophischen in Dialog und kritischer Weltdistanz hat vor allem das Theater (eine im Islam unbekannte Kunst) maßgeblich zur Genese eines Subjekts beigetragen, das die Konfliktstoffe der Wirklichkeit virtuell durchzuspielen und damit des Unterschieds zwischen Imaginärem, Symbolischem und Realem reflexiv innezuwerden vermag. Ohne das römische Recht und dessen umfassende Formalisierung ziviler Umgangsformen hätte das Christentum für seine Ethik weder die nötige Akzeptanz gefunden, noch wäre es vor der "gottesgesetzlichen" Barbarei der Scharia gefeit gewesen. Römische Literatur und Rhetorik wiederum lassen sich auch als subversive Programme zur Immunisierung gegen sakrosankte Schriftautoritäten lesen. Ein fragendes, zweifelndes, mit sich selber und seinem Gewissen dialogisierendes Subjekt ist aber Voraussetzung für die Konstitution von Alterität. Daß es den Anderen im Islam überhaupt nicht gibt, weder als Frau noch als Nichtmuslim, verwundert insofern nicht.

Einer klassischen Definition zufolge erkennt man Wahngebilde an folgenden Merkmalen: "1. Die außergewöhnliche Überzeugung, mit der an ihnen festgehalten wird, die unvergleichliche subjektive Gewißheit. 2. Die Unbeeinflußbarkeit durch Erfahrung und durch zwingende Schlüsse. 3. Die Unmöglichkeit des Inhalts." Als Karl Jaspers seine Allgemeine Psychopathologie verfaßte, hatte das religiöse Bewußtsein im säkularen Gewande von Stalinismus und Faschismus bereits begonnen, eine dreitausendjährige Geschichte objektivierender Weltentwürfe und einer sinnstiftenden Neugierde aufs Diesseits in Blut und Asche zu ersticken. Insofern es prinzipiell dazu neigt, seine "unmöglichen" Vorstellungsinhalte zum Ganzen des Selbst- und Weltverständnisses zu totalisieren, wird es auch künftig, aller Bekenntnisse zur Friedfertigkeit zum Trotz, eine totalitäre Gefahr für jedes Gemeinwesen, werden entsprechend psychotisierte Kollektive eine Gefahr für das Zusammenleben der Menschen bleiben. In jedem Gläubigen "schläft" das Dispositiv für Fanatismus, Intoleranz und Verfolgungswahn. Doch seit dem Zusammenbruch des Kommunismus wehrt sich die westliche Intelligenz mehrheitlich, noch irgend ein Feindbild der liberalen Gesellschaft auszumachen, ja auch nur seine theoretische Mögichkeit zu akzeptieren und untergräbt so die Grundlagen einer "wehrhaften" Demokratie. So erstarkt im Schutze des Religionsprivilegs aufs Neue der Totalitarismus in den Grenzen des Rechtsstaates. Mit einem gravierenden Unterschied: die religiöse Gestalt des totalitären Bewußtseins entbehrt jedes rationalen Kerns und ist daher unkorrikierbar und unbelehrbar. Das belegt nicht zuletzt die Tatsache, daß in den letzten Jahrzehnten Menschen nach Europa eingewandert sind, die knapp dem Inferno daheim entronnen, nichts Besseres zu tun wußten, als die Bedingungen ihres Elends und ihrer Unfreiheit prompt auf freiheitlichem Boden wiederherzustellen - ein Verhalten, das bei Opfern stalinistischer oder faschistischer Regime undenkbar gewesen wäre. Insbesondere der Nexus zwischen Kinderreichtum, militanter Gläubigkeit und Gettoisierung bei Muslimen in Europa verkehrt jede noch so gutgemeinte Integrationspolitik in ihr Gegenteil und bildet die eigentliche Herausforderung an die gesetzlichen Regelungen von Aufenthalt und Zuwanderung. Die aktuelle Gestalt des Islam zwingt dazu, Religionen wieder unter dem Gesichtspunkt eines pathologisch gesteigerten Totalitarismus zu betrachten. Es ist sein ungewolltes Verdienst, die kritische Öffentlichkeit in der ganzen Welt an diese fortdauernde Gefährdung ihrer Möglichkeit zu erinnern. Sie sollte endlich aufhören die Augen davor zu verschließen. Wahngebilde kann man entschärfen oder in die Tat umsetzen. Mißbrauchen kann man sie nicht.

Erstabdruck in Merkur 1/2002