Daniele Dell'Agli : Essays : Musik


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Intermittenz und Schwebe

Zur Zukunft improvisierter Musik anläßlich neuer Aufnahmen von NuArt/Plasma 8

„Fragmente sind Projekte aus der Zukunft", notierte Friedrich Schlegel einst und resümierte ein Kernstück frühromantischer Poetik, das der ästhetischen Selbstreflexion der Moderne als Leitmotiv dienen sollte. Dabei wird die Gegenwart des Fragmentarischen als transitorischer Zustand verstanden, als Bruchstück eines im Entstehen begriffenen Werks, das spätestens bei dessen Vollendung in die integrale Gestalt einer zuvor projizierten Totalität aufgehoben wird. Den Satz so, nämlich hegelianisch, zu verstehen, hieße allerdings, dem Fragment eine implizite Teleologie und der Zukunft eine abschließende Wendung zu unterstellen, die nur mit dem Tod (des Projekts? des Werks? des ästhetischen Subjekts?) identisch wäre. In ihrer melancholischen (und populäreren) Variante wird diese Denkfigur mit stillschweigend umgedrehtem Zeitvektor auf die Vergangenheit bezogen, wenn Fragmente als Splitter von..., abgebrochen von..., abgeschnitten von... im Sinne einer Mythologie des verlorenen Ganzen verstanden werden.

Projektbezogen lassen sich Fragmente besser als Bausteine zu..., Elemente von... definieren, temporal gedacht sind sie Ausschnitte eines Kontinuums, in deren Verlauf - permanent und unter wechselnden Bedingungen - Zukunft in Vergangenheit übergeht und Vergangenes - wie verwandelt auch immer - wiederkehrt, um Künftiges zu ermöglichen oder zu verhindern. Dieses Medium des Übergangs oder Zeitfenster erfahren wir wahrnehmungspsychologisch als Gegenwart. Einzig in der Gegenwart wacht jenes Zeitbewußtsein, das uns die Intervalle zum jeweils Bevorstehenden oder gerade Passierten je nach dem gleitend oder synkopisch, als Weg oder als Abstand, kontinuierlich oder fragmentarisch erleben läßt, weil sie selber dieses Gleiten oder diese Synkope, Orgelpunkt oder Pause, Zeitbrücke oder Zeitspalte ist.

Improvisierte Musik, die seit den epochalen Befreiungsschlägen des Free Jazz eine Ästhetik des Fragmentarischen kultiviert, kommt nur zögerlich von der negativen Fragmentlogik der Moderne los, die ihre Hervorbringungen mit dem Index des je nach dem Katastrophischen oder der Trauerarbeit, des wütenden Protests oder der introvertierten Weltflucht versieht. Allenthalben scheint der Abschied von „Standards" wie thematische Entwicklung, funktionstonale Skalenbildung, treibende Rhythmusgruppe oder Soli- und Ensemble-Dramaturgien eine traumatische Spur hinterlassen zu haben.

Zu den Beispielen eines gelungenen Paradigmenwechsels gehören in diesen Kontext die Aufnahmen der Gruppe Nu Art, die sowohl in Trio- als auch in Duo-Formationen auftritt und mit Plasma 8 eine neue Zwischenbilanz ihrer Arbeit an einer zeitgemäßen Ästhetik musikalischer Kleinformen vorlegt. Schon Titel wie Torso, Stückwerk, Konstellationen, Inseln machen aus dem konzeptionellen Ansatz keinen Hehl, wobei die meisten von ihnen wiederum eine kleine Serie von zwei bis fünf Stücken umfassen, keine Zyklen, nichts kreisförmig Geschlossenes. „Stückwerk" ist dabei ein vergleichsweise nüchterner Titel für eine Folge skizzenhaft phrasierter Klanggesten, die hochverdichtet und entspannt zugleich ein intimes Zwiegespräch zwischen Saxophon und Klavier entfalten, das von Echos aus vier Jahrzehnten improvisierter Musik durchgeistert scheint. Stückwerk bezeichnet jedoch treffend die Umkehrung der Bewegungsenergie, die Fragmente als Bausätze von etwas Kommendem, etwas in Entstehung Begriffenem hörbar werden läßt, gemäß der Einsicht, daß man Projekte nicht machen, sondern nur entstehen lassen kann und Improvisation dementsprechend als Kunst des Entstehen-Lassens sich bewähren muß. Aber auch des Vergehen-Lassens, wie die Kürze der einzelnen Stücke eindringlich vorführt, die darauf verzichten, Einfälle, Spannungszustände, dialogische oder polylogische Bewegungsmuster auszuschöpfen, vielmehr im Fortschreiten durch Unterbrechungen, durch ständiges sich Ins-Wort-Fallen, das Fallende kurz in der Schwebe halten, um das soeben Gesicherte, Gekonnte wieder ansatzlos zu verlassen, ihren modus explorandi finden.

Man könnte die so entstehenden Klang- und Spiel-Konstellationen Momentformen nennen (in etwas anderem Sinn als Stockhausen), da sie der äußeren Gestalt wie ihrer inneren Ökonomie nach Augenblicke organisieren, in denen jeweils bestimmte musikalische Aufgaben gelöst werden - etwa das Balancieren perkussiver (Klavier) und pneumatischer (Saxophon, Stimme) Klangregister oder die Bändigung sich verselbständigender Klanggesten durch narrative Formeln. Was so prozessual den Charakter von Exerzitien annimmt, erweist sich im Ergebnis als Modell: jener „Improvisation", die die epochale Deregulierung von Lebensformen allen Menschen als Projekt einer neuen Lebenshaltung aufgegeben hat, und die als heimliches Agens die Konjunktur „improvisierter Musik" noch lange weiter antreiben wird.

Text für ein CD-Booklet