Daniele Dell'Agli


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ad parnassum

krieg auf meinem schreibtisch: stichworte, schlagzeilen,
brandsätze - die fronten häufen sich, die unerledigten posten 
jagen verlorene, einer hält die stellung, einer meldet protest, 
ein dritter täuscht dringliches vor, anträge,
schnellgrüße, absagen - keine deckung, nirgends.
die prosa der welt marschiert, die gnadenlose chronologie
der verfallsdaten - auf nachschub ist verlaß.

und auf scheingefechte.
zum beispiel entwurf variante stillstand: getrennt 
umkreisen, vereint ausschwärmen, stoßrichtung folgt.
warten auf neuzugänge: zig abzüge, kein treffer.

mahnungen kommen und gehen, die einfälle bleiben.

im schmollwinkel, hinter reihen von buchstabenknöpfen, 
briefe und rechnungen, mit kummersteinen beschwert 
- malachit für überfällige, obsidian für verjährte - 
gegen die launen des windes (oder schwankungen des blutdrucks).
links unter dem lichtkran die schweigezone einstweiliger
verfügungen - reservat für verse und überraschungsgäste,
für xfassungen und reibungsgewinne, selten verbucht. 

im planquadrat gegenüber die forschungsruine: ein handapparat 
wacht über gedächtnisleichen, vorgelagert der schwerpunkt,
an heftklammern verschanzt und sichtvermerken, 
die schwadron der notate zerfranst, quellenlage ungesichert.

chancen kommen und gehen, die einfälle bleiben.

so wächst das ungeborene in den arbeitsspeichern,
an wunschkolonnen erkennbar die langzeitversuche,
von terminen belagert, von ferngesteuerten versionskonflikten 
zwischen gummi, filz und blei, zwischen aufschubs-
szenarien und gegendarstellungen plötzlich...

eine hand und noch eine: salut! seid gewarnt
vor pulswellenbeschleunigern, spontanfrequenzen,
aktivfeldern! weg mit der packungsbeilage! 
schon trommeln die glieder sich warm:
phalanx distalis, phalanx media, phalanx proximalis -
wohin mit zielvorgaben, deckadressen, befehlsmenüs?
einsatz flexoren, linea abducens, carpalia in grundstellung -

absichten kommen und gehen, die einfälle bleiben.

und weinflecken, kratzer, haare; glasränder, chitinsplitter, rost
- das ganze patchwork der vergänglichkeit, unverwüstlich 
wie ulna und radius, wie der trilobit auf den korrekturfahnen.

das ganze? halb und halb. etwas vergeht, ohne spuren 
zu hinterlassen, hier und da ein schmerzzerstäuber, 
ein nutzloser gedanke, von sonnenstrahlen verwirbelt
im dunklen spiegel eines monitors erloschen...

*

manchmal aber... manchmal zögert eine rechte
knapp über den tasten, eine linke stützt das kinn, 
das sinkt und sinkt, der tonus wechselt genre 
und geschlecht: dann schwebt das hochplateau 
wie leergefegt auf augenhöhe, die geister, gefallene, 
gebannte, schwirren unscharf ineinander, 
stumm und wieder unbekannte - und die ruhe
vor dem sturm hält uns alle dann gefangen