Daniele Dell'Agli


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irgendwie

sehen die dinge alle gleich aus,
wie ich den kopf auch drehe
und wende.

flüsse zum beispiel: hier eine krümmung,
dort schnurgerade, ufer treten vor 
und zurück, die strömung treibt oder 
bremst, die schiffe immerhin
wechseln farbe, tonhöhe und tiefgang, 
nur die flüsse – wasser algen kiesel
schlamm, immer das gleiche.

genau wie mit den stränden.
der sand mag hier gelber oder feiner, 
dort weißer oder gröber sein, 
mal vertangt, mal vermuschelt oder einfach 
sauber: strand bleibt strand.
und welle sowieso.
in der erinnerung, ja, beim schreiben...
aber sobald man hinschaut,
wunschlos, wortlos, verschwinden
die unterschiede wie in der wiese 
die einzelnen gräser.

wiesen? ach, überall das gleiche 
gemisch aus grünzeug und streuobst, 
brennesseln, disteln und löwenzahn,
überall die gleichen insekten,
würmer, schmetterlinge, frühlings
wie sommers zappelnd im netz
der fliegenden schreie und piepser 
zwischen baum und gestrüpp.

von den bäumen nicht zu reden.
keine zwei die sich nicht ähnlich
wären. eine dicke senkrechte, 
mehr oder weniger windschief, 
seitentriebe mit den immergleichen
winkelzügen, blattwerk mit den
ewigen tausendsechsunzwanzig
tönen grün, meinetwegen rotbraun 
im herbst, zum einschlafen.



die wolken hingegen – ja die wolken! 
immer launisch, lautlos, form und
richtung wechselnd, schleierhaft. 
und doch... strenggenommen eine wie 
die andere, mal bauschig oder zauselig, 
mal düster oder kompakt, heute schafig, 
morgen sphärisch - unverkennbar 
aber wolkig, selbst bei bei turner, 
selbst bei rothko.

wolken in gedanken wie bäume
im wasser gleitend oder wiesen
am strand überm schreibtisch
ein bild, das allen anderen gliche, 
würde man sie kennen oder 
wiedererkennen wenigstens 
wie ein wort am andern.

natürlich sehen gedanken 
anders aus, im gegensatz zu
worten, weil man sie nicht sieht.
wie gesichter auf der straße 
kopflos, im vorübergehn, 
im traum.

aber straße ist straße
und wolke ist wolke.
auf deinem gesicht 
zwischen zwei ausflügen
auf dem lande
und anderswo
an einem tag wie jeder andere
etwas gleicher
als ein tropfen 
auf den ersten blick
oder ein sandkorn
auf den zweiten
später 
wenn es nacht wird 


* * *





p.s.

irgendwie wissen wir das 
längst: was die welt im innersten 
zusammenhält, pfeift auf differenz. 
selbst die muskeln, fasern, sehnen, 
die das schreiben: keine zelle, 
die nicht der andern gleicht, 
kein atom, das seinesgleichen
nicht verrät. das muss so sein, 
davon leben wir,
vom satz der identität. 

und nicht vom drechseln und zwirbeln 
singulärer, irregulärer oder
ausnahmefälle. obwohl... 
irgendwie...
sehen eure kritiken alle gleich aus: 
genauigkeit der beschreibung, vielschichtige
figuren, wechsel der perspektiven, 
eindringlich, sprachgewalt, 
blablabla.

ich bin universalist. 
ich halt mich an die fakten.
und sie?